Veröffentlicht am März 15, 2024

Zusammenfassend:

  • Veraltete Maschinen sind kein Hindernis, sondern eine Engineering-Herausforderung, die durch gezieltes Retrofitting und passende Sensortechnik gelöst wird.
  • Die Frage ist nicht „Cloud oder Edge“, sondern die intelligente Kombination beider Ansätze in einem hybriden Modell, das Latenz, Kosten und Datensouveränität ausbalanciert.
  • Cybersicherheit in der Produktion (OT-Sicherheit) ist nicht optional. Eine strikte Trennung von IT- und OT-Netzwerken ist die Grundvoraussetzung für jede smarte Fabrik.
  • Der wahre Wert von Predictive Maintenance liegt nicht nur in der Kostensenkung, sondern in der Ermöglichung neuer Wertschöpfungsmodelle wie Equipment-as-a-Service (EaaS).

Die größte Sorge jedes Produktionsleiters ist nicht der geplante, sondern der plötzliche Stillstand. Eine Maschine, die ohne Vorwarnung ausfällt, reißt ein tiefes Loch in die Produktionsplanung, treibt die Kosten in die Höhe und gefährdet Liefertermine. In diesem Kontext wird Predictive Maintenance (PdM) oft als Allheilmittel präsentiert: Sensoren sammeln Daten, künstliche Intelligenz prognostiziert den Ausfall und die Instandhaltung kann proaktiv eingreifen, bevor es zum Desaster kommt. Dieses Bild ist zwar verlockend, aber es vereinfacht die Realität auf gefährliche Weise.

Die gängigen Ratschläge konzentrieren sich meist auf die Magie der Algorithmen und die Vorteile der Datensammlung. Doch als Ingenieur in der Praxis weiß ich: Der Erfolg von Predictive Maintenance hängt weniger von der Komplexität des KI-Modells ab als von der robusten Lösung handfester Engineering-Probleme. Die wahre Herausforderung liegt in der Systemintegration, der Gewährleistung von Datenintegrität und der kompromisslosen Umsetzung der Betriebssicherheit. Es geht darum, eine 20 Jahre alte Presse sicher ins IoT-Zeitalter zu holen, die Datenverarbeitung strategisch zu planen und die gewonnenen Erkenntnisse in tragfähige Geschäftsmodelle zu überführen.

Wenn Sie also Predictive Maintenance nicht als Buzzword, sondern als eine ernsthafte Ingenieursdisziplin betrachten, dann ist dieser Artikel für Sie. Wir werden die Theorie hinter uns lassen und uns den konkreten, technischen und strategischen Fragen stellen, die auf dem Weg zu einer wirklich vorausschauenden und ausfallsicheren Produktion entscheidend sind. Dieser Artikel beantwortet die Fragen, die in den Hochglanzbroschüren oft fehlen, und gibt Ihnen einen pragmatischen Fahrplan an die Hand.

Die folgenden Abschnitte befassen sich mit den zentralen Herausforderungen, denen Sie in der Praxis begegnen werden. Von der Modernisierung Ihres Maschinenparks über die Cybersicherheit bis hin zur entscheidenden Frage nach der Datenverarbeitung bietet dieser Leitfaden die technischen Antworten, die Sie für eine erfolgreiche Implementierung benötigen.

Wie machen Sie eine 20 Jahre alte Presse „smart“ und internetfähig?

Der Gedanke, einen bewährten, aber analogen Maschinenpark für Predictive Maintenance zu ertüchtigen, schreckt viele Produktionsleiter ab. Doch „Retrofitting“, die gezielte Nachrüstung bestehender Anlagen, ist oft der wirtschaftlichste und schnellste Weg zur Datenerfassung. Es geht nicht darum, die Maschine zu ersetzen, sondern sie mit der Fähigkeit auszustatten, über ihren Zustand zu „sprechen“. Der Schlüssel liegt in der Auswahl und Platzierung der richtigen Sensoren, um relevante physikalische Messgrößen wie Vibration, Temperatur, Druck oder Drehzahl zu erfassen.

Die Herausforderung ist eine rein ingenieurtechnische: Welche Datenpunkte korrelieren wirklich mit Verschleiß oder potenziellen Ausfällen? Wo können Sensoren angebracht werden, ohne den Betrieb zu stören oder durch Umgebungsbedingungen beeinträchtigt zu werden? Nach der Sensorik folgt der zweite entscheidende Schritt: die Konnektivität. Ein IoT-Gateway agiert hier als Übersetzer. Es sammelt die Daten von den Sensoren – oft über verschiedene Protokolle – und leitet sie in einem einheitlichen Format an übergeordnete Systeme weiter. Die Auswahl des Gateways hängt von den vorhandenen Schnittstellen der Maschine und den Anforderungen des Zielsystems ab.

Erst diese Kombination aus präziser Sensorik und einem robusten Gateway macht aus einer „dummen“ Maschine einen datenliefernden Knotenpunkt in Ihrem Produktionsnetzwerk. Dies ist die absolute Grundvoraussetzung für jede weitere Analyse. Die Qualität dieser ersten Datenerfassungsschicht entscheidet maßgeblich über den Erfolg oder Misserfolg des gesamten PdM-Projekts.

Ihr Plan zum Retrofit-Erfolg: Die 5 entscheidenden Schritte

  1. Sensoren auswählen: Analysieren Sie physikalische Messgrößen, Umgebungsbedingungen und konstruktive Einschränkungen, um die passenden Sensortypen (z.B. für Vibration, Temperatur) zu definieren.
  2. Schnittstelle bestimmen: Wählen Sie die passende Kommunikationsschnittstelle und ein IoT-Gateway, das alle notwendigen Industrieprotokolle (z.B. OPC UA, Modbus) unterstützt.
  3. Datenintegration planen: Entwerfen Sie einen klaren Plan, wie die erfassten Daten in übergeordnete Systeme wie MES (Manufacturing Execution System) oder eine Cloud-Plattform eingebunden werden.
  4. Sensorik anbringen: Implementieren Sie die ausgewählten Schwingungs-, Temperatur- und Drehzahlsensoren an den kritischen Komponenten der Maschine, die für die vorausschauende Instandhaltung relevant sind.
  5. Frühwarnsystem implementieren: Konfigurieren Sie erste, einfache Frühwarnsysteme (z.B. Schwellenwert-Alarme), um vor kritischen Zuständen wie einem drohenden Werkzeugbruch oder Qualitätseinbußen rechtzeitig intervenieren zu können.

Retrofitting ist somit kein Kompromiss, sondern eine strategische Entscheidung, die es Ihnen ermöglicht, den Wert Ihres bestehenden Maschinenparks zu maximieren und schnell handlungsrelevante Daten zu generieren.

Wie verhindern Sie, dass Hacker über die Klimaanlage ins Firmennetz kommen?

Die Vernetzung von Maschinen öffnet nicht nur Türen für Effizienz, sondern potenziell auch für Cyberangriffe. Ein oft zitiertes Szenario, bei dem Hacker über ein ungesichertes Subsystem wie eine Klimaanlage in das Kernnetzwerk eindringen, ist keine Science-Fiction, sondern eine reale Bedrohung für die Betriebssicherheit. Der Grund liegt in der historischen Trennung von Office-IT (Information Technology) und Produktions-IT, auch OT (Operational Technology) genannt. Während die IT-Welt seit Jahrzehnten auf Sicherheit getrimmt wird, stand in der OT-Welt die Verfügbarkeit und Stabilität der Anlagen im Vordergrund – oft auf Kosten der Sicherheit.

Wenn nun eine alte Maschine „smart“ gemacht wird, wird sie Teil des Netzwerks. Ohne eine klare Sicherheitsstrategie wird sie zu einem potenziellen Einfallstor. Die absolut wichtigste Maßnahme ist daher die strikte Netzwerksegmentierung. Das bedeutet, dass das Produktionsnetzwerk (OT) physisch oder logisch (z.B. durch Firewalls und VLANs) vom Büro- und Verwaltungsnetzwerk (IT) getrennt wird. Daten dürfen nur über definierte, gesicherte Übergänge fließen. Ein Sensor an einer Presse darf niemals eine direkte, unkontrollierte Verbindung zum Internet oder zum E-Mail-Server eines Mitarbeiters haben.

Dieses Prinzip wird als „Defense in Depth“ bezeichnet: Es werden mehrere Sicherheitsebenen aufgebaut. Selbst wenn es einem Angreifer gelingt, eine Hürde zu überwinden (z.B. die Steuerung der Klimaanlage zu kompromittieren), wird er durch die nächste Barriere – die Firewall zum Produktionsnetz – gestoppt. Die Absicherung der OT ist keine reine IT-Aufgabe, sondern eine Kernverantwortung des Produktionsmanagements, denn ein erfolgreicher Cyberangriff führt unweigerlich zum Produktionsstillstand.

Getrennte Netzwerkebenen für IT und OT zur Absicherung der Produktion

Wie das Schaubild symbolisch verdeutlicht, müssen zwischen der IT- und der OT-Welt klare Grenzen gezogen werden. Diese Trennung ist das Fundament der industriellen Cybersicherheit und schützt den Kern Ihrer Wertschöpfung vor externen Bedrohungen.

Letztlich bedeutet dies, dass jede neue Vernetzung im Produktionsumfeld immer auch unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit bewertet werden muss. Ein Sensor, der Daten liefert, aber das gesamte Werk lahmlegen kann, ist kein Gewinn, sondern eine massive Gefahr.

Sollten Maschinendaten vor Ort oder im Rechenzentrum verarbeitet werden?

Sobald die Sensoren Daten liefern, stellt sich die entscheidende architektonische Frage: Wo sollen diese Daten verarbeitet werden? Die zwei primären Ansätze sind Edge Computing (Verarbeitung vor Ort, nahe an der Maschine) und Cloud Computing (Verarbeitung in einem zentralen Rechenzentrum). Die Antwort ist keine Entweder-oder-Entscheidung, sondern eine strategische Abwägung basierend auf den spezifischen Anforderungen des Anwendungsfalls.

Edge Computing ist immer dann überlegen, wenn es auf extrem niedrige Latenz ankommt. Wenn eine Maschine in Millisekunden auf eine Anomalie reagieren muss, um einen Schaden zu verhindern, können die Daten nicht erst den Weg in die Cloud und zurück antreten. Die Verarbeitung direkt am „Rand“ des Netzwerks (the edge) ermöglicht Echtzeit-Reaktionen. Zudem bleiben sensible Produktionsdaten innerhalb der eigenen Werkshallen, was die Datensouveränität maximiert. Cloud Computing hingegen spielt seine Stärken bei der Verarbeitung riesiger Datenmengen und dem Training komplexer KI-Modelle aus. Die nahezu unbegrenzte Skalierbarkeit und Rechenleistung der Cloud sind ideal, um Muster aus den historischen Daten von hunderten Maschinen über Monate hinweg zu erkennen – eine Aufgabe, die lokale Hardware überfordern würde.

In der deutschen Industrielandschaft etabliert sich zunehmend ein hybrider Ansatz. Einfache Vorverarbeitungen, Datenfilterung und Echtzeit-Alarme finden am Edge statt. Nur die relevanten, aggregierten Daten werden dann in die Cloud gesendet, um dort für tiefgehende Analysen und das Training von PdM-Modellen genutzt zu werden. Dieser Ansatz kombiniert die Stärken beider Welten. Initiativen wie Factory-X, die von führenden deutschen Industrieunternehmen und Verbänden vorangetrieben werden, zielen genau darauf ab, solche souveränen und hybriden Datenräume zu schaffen. Die Verfügbarkeit von leistungsstarken Netzen ist dabei entscheidend; so hatten laut aktuellen Daten zur digitalen Infrastruktur bereits 2021 rund 86% der deutschen Standorte eine 5G-Abdeckung.

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kriterien für Ihre Entscheidung zusammen.

Edge Computing vs. Cloud Computing für Maschinendaten
Kriterium Edge Computing Cloud Computing
Latenz <10ms für Echtzeitanforderungen 20-100ms abhängig von Verbindung
Datensouveränität Volle Kontrolle vor Ort Abhängig vom Provider
Skalierbarkeit Begrenzt durch lokale Hardware Nahezu unbegrenzt
Kosten Hohe Initialinvestition, niedrige laufende Kosten Niedrige Initialkosten, laufende Gebühren
KI-Training Limitiert für einfache Modelle Optimal für komplexe KI-Modelle

Die richtige Architektur ist also kein Dogma, sondern das Ergebnis einer pragmatischen Analyse Ihrer spezifischen Anforderungen an Geschwindigkeit, Sicherheit und Skalierbarkeit.

Wie verkaufen Sie Verfügbarkeit statt Maschinen (Equipment-as-a-Service)?

Predictive Maintenance ist weit mehr als nur ein Werkzeug zur internen Kostenoptimierung. Richtig eingesetzt, wird es zum Enabler für völlig neue Wertschöpfungsmodelle. Der radikalste Wandel ist der Schritt vom reinen Maschinenverkauf hin zum Angebot von „Equipment-as-a-Service“ (EaaS). Statt eine Maschine zu verkaufen, verkaufen Sie deren Ergebnis: garantierte Produktionsstunden, eine bestimmte Stückzahl an gefertigten Teilen oder einfach nur eine zugesicherte Verfügbarkeit von 99,9%.

Dieses Geschäftsmodell verlagert die Verantwortung für den reibungslosen Betrieb vollständig vom Kunden zum Hersteller. Für den Kunden entfallen hohe Anfangsinvestitionen, die laut Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland bei über 50 Milliarden Euro pro Jahr für Maschinen und Anlagen liegen. Stattdessen zahlt er eine nutzungsabhängige Gebühr. Für Sie als Hersteller wird Predictive Maintenance damit vom „nice-to-have“ zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit. Jeder ungeplante Ausfall Ihrer Maschine beim Kunden schmälert direkt Ihre eigene Marge. Nur wenn Sie in der Lage sind, den Zustand Ihrer Anlagen im Feld präzise zu überwachen und vorausschauend zu warten, wird dieses Modell profitabel.

Der klassische Fahrstuhl ist ein gutes Beispiel: Niemand kauft den Aufzug, sondern nur die Dienstleistung des Transports von A nach B. Der Hersteller ist für den Betrieb verantwortlich und nutzt datenbasierte Wartung, um die Wirtschaftlichkeit sicherzustellen. Predictive Maintenance ist der technologische Schlüssel, um dieses bewährte Prinzip auf den gesamten Maschinen- und Anlagenbau zu übertragen. Es minimiert nicht nur Ihre internen Ausfallzeiten, sondern schafft auch einen wiederkehrenden, planbaren Umsatzstrom und eine extrem starke Kundenbindung, da Sie vom Lieferanten zum operativen Partner werden.

Damit wird Predictive Maintenance von einer technischen Disziplin zu einem strategischen Eckpfeiler, der die Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens im Kern verändern kann.

Warum liefern Ihre Sensoren Fehlalarme und wie kalibrieren Sie richtig?

Ein Predictive-Maintenance-System, das ständig „den Wolf ruft“, verliert schnell seine Akzeptanz im Team. Fehlalarme sind nicht nur nervtötend, sie untergraben auch das Vertrauen in die Technologie und führen dazu, dass echte Warnungen ignoriert werden. Die Ursache für eine hohe Fehlalarmquote liegt selten im KI-Modell, sondern viel häufiger in einer mangelhaften Datenintegrität. Das Problem beginnt an der Quelle: dem Sensor selbst. Ein falsch ausgewählter, schlecht positionierter oder unzureichend kalibrierter Sensor liefert schlichtweg unbrauchbare Daten – „Garbage in, Garbage out“.

Die Kalibrierung ist ein kritischer, aber oft vernachlässigter Schritt. Jeder Sensor hat eine gewisse Messtoleranz und kann durch Umwelteinflüsse (Temperaturschwankungen, elektromagnetische Störungen) beeinflusst werden. Bei der Kalibrierung wird der Sensor mit einem bekannten, präzisen Referenzwert abgeglichen, um seine Messgenauigkeit sicherzustellen und Abweichungen zu korrigieren. Dieser Prozess muss regelmäßig wiederholt werden, da Sensoren altern und „driften“ können. Ein weiterer Grund für Fehlalarme ist die unzureichende Erfassung des Kontextes. Eine Vibrationsspitze ist vielleicht kein Anzeichen für einen Lagerschaden, sondern das normale Verhalten der Maschine während eines bestimmten Prozessschrittes. Moderne Sensorsysteme gehen daher über die reine Datenerfassung hinaus.

Praxisbeispiel: 3D-Zustandsanalyse mit dem Balluff BCM-Sensor

Ein gutes Beispiel für fortschrittliche Sensorik ist der Condition-Monitoring-Sensor (BCM) des deutschen Herstellers Balluff. Dieses System erfasst Vibrationen nicht nur auf einer, sondern auf drei Achsen (x, y, z) gleichzeitig. Diese dreidimensionale Analyse ermöglicht eine wesentlich präzisere Zustandsbewertung von Maschinen, Pumpen oder Antrieben. Durch die Erfassung aller Bewegungsrichtungen können sekundäre Einflüsse und komplexe Anomalien, die bei einer eindimensionalen Messung verborgen bleiben würden, leichter erkannt werden. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit von Fehlinterpretationen und damit von Fehlalarmen erheblich und vereinfacht zudem die Montage und Ausrichtung des Sensors.

Die Reduzierung von Fehlalarmen ist also eine Frage der ingenieurtechnischen Sorgfalt: Es beginnt bei der Auswahl des richtigen Sensors, geht über die präzise Kalibrierung und endet bei der Fähigkeit, die erfassten Daten in den richtigen Betriebskontext zu setzen.

Makroaufnahme eines Präzisionssensors während der Kalibrierung

Nur präzise und verlässliche Daten schaffen die Vertrauensbasis, die für eine proaktive Instandhaltungskultur unerlässlich ist.

Wann müssen Sie bestehende Produkte anpassen, wenn sich eine Norm ändert?

In einem voll implementierten Predictive-Maintenance-System scheint die Welt der Instandhaltung rein datengesteuert. Doch die Realität ist komplexer. Externe Faktoren wie die Änderung von Industrienormen, Sicherheitsvorschriften oder Umweltauflagen können tiefgreifende Anpassungen an Maschinen und Wartungsplänen erfordern, völlig unabhängig von den Sensorwerten. Eine neue Norm kann beispielsweise vorschreiben, dass bestimmte Bauteile in kürzeren Intervallen ausgetauscht werden müssen, auch wenn das PdM-System noch keine Verschleißanzeichen meldet.

Die Herausforderung besteht darin, diese normativen Anforderungen in das datengesteuerte System zu integrieren. Ein PdM-System ist nur so gut wie die Regeln, auf denen es basiert. Wenn sich eine Norm ändert, müssen die Algorithmen und Schwellenwerte entsprechend angepasst werden. Ignoriert man dies, riskiert man nicht nur den Verlust einer Zertifizierung, sondern im schlimmsten Fall auch rechtliche Konsequenzen. Predictive Maintenance muss daher als ein dynamisches System verstanden werden, das sowohl auf maschinengenerierten Daten als auch auf externen Regelwerken basiert.

Zudem darf ein weiterer, oft entscheidender Faktor nicht übersehen werden: der Mensch. Wie Dr. Jochen Schlick, ein Experte auf diesem Gebiet, in einem Interview mit der WirtschaftsWoche feststellt, sind viele Ausfälle nicht auf Verschleiß zurückzuführen, sondern auf menschliches Versagen, wie zum Beispiel ein falsch eingemessenes Werkzeug. Er argumentiert:

Diese ereignisbasierte Wartung ist nicht nur die häufigste, sondern oft auch die sinnvollste. Die meisten Ausfälle sind keine Folge von Verschleiß, sondern von menschlichen Unzulänglichkeiten. Ein Gabelstapler fährt gegen die Maschine, ein Werkzeug ist falsch eingemessen – das komme leider viel zu oft vor.

– Dr. Jochen Schlick, WirtschaftsWoche Interview

Dies bedeutet, dass selbst das perfekteste PdM-System, das eine Produktivitätssteigerung von 10-20% ermöglichen kann, durch unvorhersehbare Ereignisse oder die Nichtbeachtung von Normen ausgehebelt werden kann. Eine Anpassung ist also immer dann zwingend, wenn eine Normänderung die grundlegenden Annahmen Ihres Wartungsmodells in Frage stellt.

Ein erfolgreiches System integriert daher beides: die Intelligenz der Daten und die Weisheit der etablierten Regeln und menschlichen Erfahrung.

Wann gehören sensible Daten nicht auf die Server von Amazon oder Google?

Die Frage der Datensouveränität ist eine der strategisch wichtigsten und heikelsten im Kontext von Industrie 4.0. Während US-Hyperscaler wie Amazon Web Services (AWS) oder Google Cloud mit enormer Skalierbarkeit und fortschrittlichen KI-Tools locken, birgt die Speicherung sensibler Produktionsdaten auf deren Servern erhebliche Risiken für deutsche und europäische Unternehmen. Das Kernproblem ist der US CLOUD Act. Dieses Gesetz erlaubt es US-Behörden, auf Daten zuzugreifen, die von US-Unternehmen gespeichert werden – und zwar unabhängig davon, wo auf der Welt sich die Server befinden.

Für einen deutschen Maschinenbauer bedeutet dies: Selbst wenn die Daten in einem Rechenzentrum in Frankfurt liegen, können US-Behörden potenziell darauf zugreifen, wenn der Anbieter ein US-Unternehmen ist. Dies kann Geschäftsgeheimnisse, Konstruktionspläne und detaillierte Produktionsparameter gefährden. Sensible Daten, die den Kern Ihrer Wettbewerbsfähigkeit ausmachen oder unter besondere Geheimhaltung fallen, gehören daher prinzipiell nicht in die Hände von Anbietern, die dem CLOUD Act unterliegen. Bereits 62% der deutschen Unternehmen nutzen nach Angaben der Germany Trade & Invest (GTAI) Industrie 4.0-Technologien, was die Dringlichkeit dieser Frage unterstreicht.

Als Reaktion darauf entstehen in Europa zunehmend souveräne Datenräume und Cloud-Angebote. Initiativen wie Gaia-X oder die spezifische Umsetzung im Maschinenbau durch Manufacturing-X (MX) zielen darauf ab, eine sichere und DSGVO-konforme Dateninfrastruktur zu schaffen. Deutsche oder europäische Anbieter garantieren oft vertraglich, dass die Daten die EU nicht verlassen und der Zugriff ausschließlich nach deutschem bzw. EU-Recht erfolgt. Sie bieten Zertifizierungen wie „Trusted Cloud“ oder die Konformität nach dem C5-Kriterienkatalog des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik).

Die folgende Gegenüberstellung verdeutlicht die fundamentalen Unterschiede, die für Ihre strategische Entscheidung von höchster Bedeutung sind.

Datensouveränität: US-Cloud vs. europäische Alternativen
Aspekt US-Cloud-Anbieter Europäische/Deutsche Lösungen
Rechtsrahmen US CLOUD Act gilt DSGVO-konform
Datenzugriff US-Behörden können Zugriff verlangen Nur nach deutschem/EU-Recht
Serverstandort Global verteilt Garantiert in Deutschland/EU
Zertifizierungen Internationale Standards Trusted Cloud, C5 des BSI

Die Entscheidung lautet also nicht „Cloud ja oder nein?“, sondern „Wem vertraue ich meine Kronjuwelen an?“. Für kritische Produktionsdaten lautet die Antwort immer häufiger: einem europäischen, souveränen Partner.

Das Wichtigste in Kürze

  • Pragmatismus vor Perfektion: Beginnen Sie mit dem Retrofitting kritischer Anlagen, anstatt auf einen komplett neuen, „smarten“ Maschinenpark zu warten. Der schnellste Weg zu Daten ist oft der beste.
  • Sicherheit als Fundament: Implementieren Sie eine strikte Trennung von IT- und OT-Netzwerken, bevor Sie auch nur einen einzigen Sensor mit dem Internet verbinden. Betriebssicherheit ist nicht verhandelbar.
  • Datenqualität ist alles: Konzentrieren Sie Ihre Ressourcen auf die korrekte Auswahl, Positionierung und regelmäßige Kalibrierung Ihrer Sensoren. Nur saubere Daten führen zu verlässlichen Vorhersagen.

Ist Ihre „Smart Factory“ Realität oder nur eine Vision auf Papier?

Die Vision der sich selbst optimierenden Smart Factory ist allgegenwärtig. Doch als Produktionsleiter stehen Sie vor der Frage: Ist das alles nur ein Hype oder bereits gelebte Realität? Die Zahlen zeigen ein gemischtes Bild. Einerseits befassen sich laut einer Studie des VDMA, Roland Berger und der Deutschen Messe bereits 81% der deutschen Maschinenbauunternehmen intensiv mit Predictive Maintenance – ein gewaltiger Anstieg von nur 40% im Jahr 2020. Das Interesse und die Bereitschaft sind also enorm.

Andererseits warnt der bereits zitierte Experte Jochen Schlick, dass der konkrete Nutzen oft noch überschaubar sei. Die Lücke zwischen Vision und Realität klafft dort auf, wo die technologische Machbarkeit auf organisatorische Hürden und fehlende Kompetenzen trifft. Eine Smart Factory entsteht nicht durch den Kauf von Software, sondern durch einen tiefgreifenden Wandel in Prozessen, Kultur und Qualifikation. Es ist ein Marathon, kein Sprint. Der Schlüssel liegt darin, Predictive Maintenance nicht als isoliertes IT-Projekt zu sehen, sondern als integralen Bestandteil der Produktionsstrategie, der schrittweise und pragmatisch umgesetzt wird.

Der Weg von der Vision zur Realität führt über konkrete, anfassbare Schritte. Anstatt die gesamte Fabrik auf einmal digitalisieren zu wollen, hat sich die Umsetzung in Pilotprojekten bewährt. Forschungsinitiativen wie die Karlsruher Forschungsfabrik des Fraunhofer IOSB bieten Unternehmen die Möglichkeit, intelligente Produktion praxisnah zu erproben. Dort können etablierte Prozesse in Bereichen wie der Elektromobilität oder dem Leichtbau gezielt mit KI und maschinellem Lernen optimiert werden, bevor die Lösungen im eigenen Werk skaliert werden. Für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) gibt es zudem geförderte Tandem-Modelle, bei denen sie gemeinsam mit Lösungsanbietern erste Analysen durchführen können.

Der nächste logische Schritt für Ihr Unternehmen ist daher keine millionenschwere Generalüberholung, sondern eine datengestützte Analyse Ihres bestehenden Maschinenparks, um das eine, kritische Bauteil zu identifizieren, bei dem Predictive Maintenance den größten und schnellsten Mehrwert liefert. Beginnen Sie dort.

Geschrieben von Michael Gross, IT-Architekt und Berater für Datensicherheit und Cloud-Systeme. Experte für ERP-Migrationen und die technische Absicherung von Geschäftsprozessen.