Veröffentlicht am Mai 21, 2024

Inkonsistente Preise zwischen Online-Shop und Filiale sind kein reines IT-Problem, sondern ein direkter Bruch Ihres Markenversprechens, der sofortiges Kundenvertrauen zerstört.

  • Getrennte Daten- und Preissysteme führen zu Verwirrung und dem Gefühl der Ungerechtigkeit beim Kunden, was ihn zur Konkurrenz treibt.
  • Ein fehlendes, kanalübergreifendes Anreizsystem demotiviert Filialmitarbeiter und fördert den internen „Kanal-Kannibalismus“ statt der Zusammenarbeit.

Empfehlung: Etablieren Sie eine zentrale Datenplattform („Single Point of Truth“) und faire Attributionsmodelle, um eine nahtlose, vertrauenswürdige Customer Journey zu gewährleisten und jeden Kundenkontaktpunkt wertzuschätzen.

Ein Kunde betritt Ihre Filiale, das Smartphone in der Hand. Er hat sich online informiert, ein Produkt gefunden und möchte es nun live sehen. Doch am Regal erwartet ihn eine böse Überraschung: Der Preis ist ein anderer als im Webshop. Diese alltägliche Szene ist für viele Einzelhändler der Ausgangspunkt für verlorene Umsätze und – noch schlimmer – für einen nachhaltigen Vertrauensverlust. Der Kunde fühlt sich nicht nur schlecht informiert, sondern getäuscht. In diesem Moment springt er nicht nur von diesem Kauf ab, er springt von Ihrer Marke ab.

Die üblichen Ratschläge sind bekannt: Man müsse die Systeme integrieren und eine „Omnichannel-Strategie“ verfolgen. Doch diese oberflächlichen Antworten ignorieren die Wurzel des Problems. Es geht nicht nur um Multichannel, also das Bespielen mehrerer Kanäle, sondern um Omnichannel: die nahtlose, konsistente und kundenorientierte Verknüpfung aller Touchpoints. Die Herausforderung liegt tiefer als in der reinen Technologie. Sie berührt die Organisationsstruktur, die internen Anreizsysteme und die grundlegende Frage der wahrgenommenen Fairness gegenüber dem Kunden.

Doch was, wenn die wahre Lösung nicht darin besteht, einfach nur Preise anzugleichen, sondern darin, den Wert jedes einzelnen Kanals neu zu definieren? Dieser Artikel bricht mit der reinen IT-Perspektive und beleuchtet das Problem aus einer strategischen Sicht. Wir werden analysieren, wie Sie die technologischen Hürden überwinden, aber auch, wie Sie die organisatorischen Silos einreißen, die einer echten, profitablen Omnichannel-Erfahrung im Wege stehen. Es ist an der Zeit, eine phygitale Brücke zu bauen, die Ihre Online-Präsenz und Ihre stationären Stärken zu einem unschlagbaren Ganzen vereint.

Dieser Leitfaden führt Sie strukturiert durch die entscheidenden Handlungsfelder, um die Brüche in Ihrer Customer Journey zu heilen. Das folgende Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die Themen, die wir behandeln werden, von der technischen Integration bis zur fairen Umsatzverteilung.

Wie vermeiden Sie Datensilos zwischen Kassensystem und Webshop?

Die Wurzel inkonsistenter Preise und Verfügbarkeiten liegt fast immer in getrennten Datensilos. Während der Onlineshop aus einer Produktdatenbank gespeist wird, operiert das Kassensystem (POS) in der Filiale oft autark. Diese technologische Trennung führt unweigerlich zu den vom Kunden erlebten Widersprüchen. Eine echte Omnichannel-Erfahrung, die laut einer EHI-Studie bereits von 274 der Top-1.000 Online-Shops in Deutschland verfolgt wird, ist so unmöglich. Das Ziel muss eine „Single Source of Truth“ sein – eine zentrale Datenquelle für Bestände, Preise und Kundeninformationen, auf die alle Kanäle in Echtzeit zugreifen.

Die Lösung liegt in einer API-First-Architektur. Statt monolithischer Systeme, die starr und schwerfällig sind, setzen moderne Händler auf eine zentrale Middleware, oft ein Order Management System (OMS). Dieses OMS agiert als Gehirn der Operation, das Daten aus dem Warenwirtschaftssystem (ERP), dem Shopsystem und den POS-Systemen der Filialen synchronisiert. So wird sichergestellt, dass eine Preisänderung im zentralen System sofort auf der Website, in der App und auf den digitalen Preisschildern in der Filiale angezeigt wird.

Ein führendes Beispiel aus Deutschland ist MediaMarkt. Der Elektronikriese hat es geschafft, durch die konsequente Integration seiner Systeme eine nahtlose Erfahrung zu schaffen. Echtzeit-Verfügbarkeitsanzeigen für jede einzelne Filiale sind online einsehbar, und die Preise werden durch Electronic Shelf Labels (ESL) synchron gehalten. Dies zeigt, dass die technologische Herausforderung lösbar ist, wenn die Strategie klar kundenorientiert ist und nicht von den Limitierungen veralteter Systeme diktiert wird.

Wie organisieren Sie die Abholung im Laden, ohne das Personal zu stressen?

Click & Collect ist längst kein Trend mehr, sondern eine Standarderwartung der Kunden. Tatsächlich zeigen Studien, dass bereits rund 70% der deutschen Händler eine Form von In-Store-Bestellungen oder -Abholungen anbieten. Doch die Einführung dieses Services ohne durchdachte Prozesse führt oft zu Chaos in der Filiale: Mitarbeiter suchen gestresst nach Paketen, blockieren Lagerflächen und vernachlässigen dabei die Kunden vor Ort. Hier zeigt sich ein Mangel an betrieblicher Empathie – die Unfähigkeit, einen Prozess aus der Sicht der Mitarbeiter zu gestalten.

Ein effizientes Click & Collect System erfordert mehr als nur eine Software-Checkbox. Es braucht physische und prozessuale Veränderungen in der Filiale. Der Schlüssel liegt in der Schaffung eines dedizierten und klar definierten Bereichs für die Abwicklung. Dazu gehören:

  • Dedizierte Abholstationen: Ein klar markierter Bereich, idealerweise in der Nähe des Eingangs, wo vorbereitete Bestellungen gelagert und schnell übergeben werden können.
  • Intelligente Lagerprozesse: Die online bestellte Ware muss aus dem normalen Filialbestand „ausgebucht“ und physisch separiert werden, um Doppelverkäufe zu vermeiden.
  • Klare Mitarbeiter-Workflows: Wer ist verantwortlich? Zu welchen Zeiten werden Online-Bestellungen kommissioniert? Wie wird die Übergabe dokumentiert, um Schwund zu vermeiden?

Diese strukturelle Organisation reduziert nicht nur den Stress für das Personal, sondern verwandelt die Abholung in einen positiven, schnellen Service-Moment für den Kunden. Die Effizienz im Hintergrund wird zur sichtbaren Kompetenz am Frontend.

Filialmitarbeiter organisiert Click & Collect Bestellungen in dedizierter Abholstation

Wie die Abbildung zeigt, ermöglicht ein gut organisierter Abholbereich eine reibungslose Übergabe. Das Personal kann Bestellungen effizient vorbereiten und hat mehr Zeit für die wertschöpfende Beratung der Kunden im Geschäft, anstatt als interner Logistiker zu agieren. Diese Entlastung ist ein entscheidender Faktor für die Servicequalität und die Mitarbeiterzufriedenheit.

Warum unterschiedliche Rabatte online und offline Ihre Marke beschädigen

Preisunterschiede sind der offensichtlichste Bruch in der Customer Journey. Wenn ein Kunde online einen Rabattcode erhält, der in der Filiale nicht gilt, oder umgekehrt, entsteht sofort ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Dies ist kein triviales Ärgernis, sondern ein Angriff auf die wahrgenommene Fairness, einem der stärksten psychologischen Treiber für Markentreue. Der Kunde fragt sich: „Warum werde ich hier anders behandelt als dort? Bin ich als Online-Kunde weniger wert?“ Dieser interne Monolog führt zu einer Abwertung der gesamten Marke.

Die Rechtfertigung für unterschiedliche Preise – etwa höhere Betriebskosten in der Filiale – ist für den Kunden irrelevant. Er sieht nur eine inkonsistente Marke, die nicht mit einer Stimme spricht. Das Ergebnis ist ein Phänomen, das man als Kanal-Kannibalismus bezeichnen kann: Der eigene Onlineshop konkurriert mit der eigenen Filiale. Statt einer Synergie entsteht ein interner Preiskampf auf dem Rücken des Kunden und der Marke. Die Konsequenz ist oft, dass der Kunde den Händler komplett verlässt. Wie Dr. Christoph Tripp, Professor an der TU Nürnberg, treffend feststellt:

Wenn ein Produkt nicht verfügbar ist, suchen Verbraucher heutzutage innerhalb von zwei oder drei Klicks bei der Konkurrenz und wechseln Händler und Marken.

– Dr. Christoph Tripp, Professor für Distribution und Retail-Logistik, TU Nürnberg

Die Lösung liegt nicht darin, kanalspezifische Vorteile abzuschaffen, sondern sie intelligent zu gestalten. Statt eines reinen Preisvorteils online könnte der Vorteil in kostenlosem Versand liegen. Der Vorteil der Filiale ist die sofortige Verfügbarkeit und die persönliche Beratung. Die Preisstrategie selbst jedoch muss konsistent sein. Jeder Preis muss auf jedem Kanal nachvollziehbar und identisch sein. Die folgende Tabelle verdeutlicht die strategischen Auswirkungen einer konsistenten gegenüber einer inkonsistenten Preisstrategie, basierend auf einer Analyse von Omnichannel-Preisstrategien.

Konsistente vs. inkonsistente Preisstrategie
Aspekt Konsistente Preise Inkonsistente Preise
Kundenvertrauen Hoch – transparente Preisgestaltung Niedrig – Verwirrung und Misstrauen
Markenbindung Steigt durch Verlässlichkeit Sinkt durch wahrgenommene Unfairness
Kanalspezifische Vorteile Durch Services differenzieren Preiskampf zwischen eigenen Kanälen
Beispiel-Lösung Online-Rabatt = kostenlose In-Store-Beratung Zufällige Preisunterschiede ohne Erklärung

Darf der Kunde die Online-Bestellung im Laden zurückgeben? Logistik vs. Service

Die Frage der In-Store-Retouren von Online-Bestellungen ist ein klassischer Konflikt zwischen Logistikeffizienz und Kundenservice. Aus reiner Prozesssicht ist es umständlich: Die Ware gehört buchhalterisch oft zum Online-Lager, muss zurückgebucht werden und passt eventuell nicht ins Filialsortiment. Viele Händler scheuen diesen Aufwand. Doch aus Kundensicht ist die Verweigerung einer Rückgabe in der Filiale ein weiterer, massiver Bruch in der Customer Journey. Es signalisiert: „Wir sind zwei verschiedene Unternehmen.“

Diese Verweigerung ist ein strategischer Fehler, denn sie ignoriert zwei entscheidende Potenziale. Erstens: Die Rückgabe ist ein kritischer Service-Touchpoint. Eine unkomplizierte Retoure festigt das Kundenvertrauen und senkt die Kaufschwelle für zukünftige Online-Bestellungen. Zweitens: Jede Retoure in der Filiale ist eine Chance für ein Upselling oder einen Umtausch. Der Kunde ist bereits im Laden, das Personal kann den Rückgabegrund erfragen und direkt eine bessere Alternative anbieten. Falsche Produktinformationen sind ein häufiger Rücksendegrund; eine Studie ergab, dass dies bei 54% der Verbraucher der Fall war. Dies ist eine perfekte Gelegenheit für eine persönliche Beratung.

Um dieses Potenzial zu heben, müssen Händler ihre Retourenprozesse neu denken. Anstatt die Rückgabe als reinen Kostenfaktor zu sehen, sollte sie als investition in die Kundenbeziehung und als Vertriebschance betrachtet werden. Dies erfordert geschultes Personal und ein System, das die Rücknahme und den potenziellen Neuverkauf sauber abbilden kann.

Ihr Aktionsplan: Retouren als Service- und Umsatztreiber

  1. Trainieren Sie Ihr Personal, den Rückgabegrund systematisch und serviceorientiert zu erfragen, um die Ursache zu verstehen.
  2. Ermächtigen und schulen Sie Mitarbeiter darin, aktiv passende Alternativen aus dem Filialsortiment als Umtausch anzubieten.
  3. Implementieren Sie ein einfaches Tracking-System (z.B. via Kassensystem), um zu messen, wie viele Retouren in einen neuen Kauf umgewandelt werden.
  4. Entwickeln Sie ein faires Verrechnungsmodell (z.B. eine Service-Pauschale), das Franchise-Nehmer oder Filialen für die Abwicklung von Online-Retouren entschädigt.
  5. Analysieren Sie die Retourendaten, um systematisch Produktinformationen im Onlineshop zu verbessern und zukünftige Rücksendungen zu vermeiden.

Wem gehört der Umsatz: Dem Onlineshop oder der Filiale, die beraten hat?

Dies ist die vielleicht heikelste interne Frage im Omnichannel-Handel und oft der Grund für scheiternde Strategien. Wenn eine Filiale einen Kunden eine Stunde lang berät, dieser aber später online kauft, wem gebührt der Lohn für die Mühe? Traditionelle, kanalbasierte Umsatzmessung führt hier zwangsläufig zu Demotivation und Konflikten. Das Filialpersonal hat keinen Anreiz, auf den Onlineshop zu verweisen, selbst wenn ein Produkt nicht vorrätig ist. Stattdessen wird der Kunde im schlimmsten Fall ohne Lösung weggeschickt. Dieses Verhalten ist eine direkte Folge falscher Anreizsysteme.

Die Realität des modernen Einkaufsverhaltens ist hybrid. Eine Mintel-Studie zeigt, dass 66% der deutschen Verbraucher regelmäßig zwischen Online- und Offline-Kanälen wechseln. Die Customer Journey ist keine gerade Linie mehr. Daher müssen auch die Mess- und Vergütungsmodelle hybrid werden. Der Fokus muss sich von der reinen „Last-Click-Attribution“ (der letzte Kanal erhält 100% des Umsatzes) zu einer fairen Wert-Attribution verschieben. Jeder Touchpoint, der zum Kauf beigetragen hat – sei es die Online-Anzeige, die Filialberatung oder der Newsletter – hat einen Wert.

In der Praxis setzen fortschrittliche Händler auf sogenannte Multi-Touch-Attributionsmodelle. Wie eine Analyse des deutschen Marktes zeigt, haben bereits 40% der Kundeninteraktionen im Online-Handel einen physischen Touchpoint. Um dies abzubilden, werden Umsätze geteilt. Ein mögliches Modell: Die beratende Filiale, deren Mitarbeiter über eine persönliche ID im Online-Warenkorb vermerkt wird, erhält 40% des Umsatzes gutgeschrieben, während der Onlineshop die restlichen 60% verbucht. Solche Modelle fördern die Kooperation, da plötzlich alle am selben Strang ziehen: dem bestmöglichen Service für den Kunden, egal wo der Kauf am Ende abgeschlossen wird.

SAP oder Nischenlösung: Was passt zu einem 200-Mann-Betrieb?

Die technologische Basis für eine funktionierende Omnichannel-Strategie ist das ERP-System. Für viele mittelständische Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitern stellt sich die Gretchenfrage: Setzt man auf den etablierten Riesen wie SAP oder auf eine flexible „Best-of-Breed“-Lösung aus spezialisierten Einzelsystemen? Die Antwort ist nicht pauschal, sondern hängt von der individuellen Strategie, dem Budget und der gewünschten Agilität ab. Eine Bitkom-Befragung zeigt, dass 85% der deutschen Händler bereits mehrgleisig fahren und eine Lösung für diese Komplexität benötigen.

Ein monolithisches System wie SAP S/4HANA bietet den Vorteil einer vollintegrierten Suite. Alle Prozesse von der Finanzbuchhaltung über die Warenwirtschaft bis zum CRM sind in einem System vereint. Dies verspricht hohe Datenkonsistenz und standardisierte Prozesse, die auch Anforderungen wie DSGVO und GoBD oft „out-of-the-box“ erfüllen. Der Preis dafür ist jedoch hoch: hohe Lizenzkosten, lange Implementierungszeiten (oft 12-18 Monate) und eine geringere Flexibilität bei der Anbindung neuer, innovativer Tools.

Visuelle Entscheidungsmatrix für ERP-Systemauswahl im deutschen Mittelstand

Der alternative „Best-of-Breed“-Ansatz kombiniert spezialisierte, oft Cloud-basierte Nischenlösungen. Beispielsweise könnte ein Händler das Shopsystem von Shopware, das ERP von Xentral und ein spezialisiertes PIM-System über APIs miteinander verbinden. Der Vorteil liegt in der hohen Flexibilität und Geschwindigkeit. Neue Kanäle oder Funktionen können schneller angebunden werden. Die Kosten sind modular und oft geringer in der Anschaffung. Die Herausforderung liegt jedoch in der Komplexität der Schnittstellen und der Sicherstellung der Datenkonsistenz über die Systemgrenzen hinweg. Die folgende Gegenüberstellung hilft bei der Einordnung für ein typisches 200-Mitarbeiter-Unternehmen.

Die Entscheidung hängt letztlich von der Unternehmens-DNA ab: Wer auf Stabilität, Standardisierung und langfristige Planbarkeit setzt, ist bei einer Enterprise-Lösung gut aufgehoben. Wer hingegen Agilität, schnelle Anpassung an Marktveränderungen und technologische Flexibilität priorisiert, profitiert eher von einem modularen Best-of-Breed-Ansatz.

SAP vs. Best-of-Breed für 200-Mitarbeiter-Unternehmen
Kriterium SAP Best-of-Breed (z.B. Xentral + Shopware)
Total Cost of Ownership Hoch (Lizenz + Beratung) Mittel (modulare Kosten)
Implementierungszeit 12-18 Monate 3-6 Monate
DSGVO/GoBD-Konformität Out-of-the-box Konfiguration erforderlich
Flexibilität Eingeschränkt Hoch durch API-Ansatz
Deutscher Support Umfassend Je nach Anbieter variabel

Warum Ihr Bauchgefühl Sie bei der Zielgruppe Z täuschen wird

Viele etablierte Einzelhändler glauben, ihre Kunden zu kennen. Doch die Generation Z (geboren ca. 1997-2012) tickt anders. Ihr Verhalten ist nicht nur „digital first“, sondern „phygital native“. Sie erwarten eine absolut nahtlose Verschmelzung der Online- und Offline-Welt als Hygienefaktor, nicht als Bonus. Das Bauchgefühl erfahrener Manager, das auf jahrzehntelanger Erfahrung mit früheren Generationen beruht, führt hier oft in die Irre. Annahmen wie „junge Leute kaufen nur online“ sind gefährlich und falsch.

Die Realität ist, dass die Gen Z sehr wohl den stationären Handel schätzt – aber als Erlebnisraum, nicht als reinen Transaktionsort. Sie recherchieren auf TikTok, vergleichen Preise per App im Laden und teilen ihre Erfahrungen sofort online. Eine Mintel-Studie zur Omnichannel-Nutzung zeigt, dass bereits 30% der Konsumenten in Deutschland im Elektrofachhandel über ihr Smartphone eingekauft haben – oft während sie im Laden standen. Ein Bruch in der User Experience, wie eine nicht funktionierende App, inkonsistente Preise oder fehlende Produktinformationen, führt bei dieser Zielgruppe zu einem sofortigen und permanenten Vertrauensverlust. Es gibt keine zweite Chance.

Die Erwartungshaltung ist radikal. Armando Falcao, Associate Director Retail bei Mintel Deutschland, bringt es auf den Punkt:

Die Erwartung einer nahtlosen Erfahrung ist bei der Gen Z kein Bonus, sondern eine Grundvoraussetzung. Wer hier versagt, verliert diese Zielgruppe sofort.

– Armando Falcao, Associate Director Retail bei Mintel Deutschland

Für Händler bedeutet das: Verlassen Sie sich nicht auf Annahmen, sondern auf Daten. Analysieren Sie das tatsächliche Klick- und Kaufverhalten dieser Zielgruppe. Bieten Sie Mehrwerte, die über den reinen Preis hinausgehen: personalisierte Angebote in der App, exklusive Events in der Filiale, oder die Möglichkeit, online gesehene Produkte für eine Anprobe im Laden zu reservieren. Die Loyalität der Gen Z gewinnt man nicht durch Rabatte, sondern durch eine reibungslose, authentische und wertschätzende Erfahrung über alle Kanäle hinweg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Vertrauen ist die Währung: Preis- und Service-Inkonsistenzen zwischen online und offline sind keine kleinen Pannen, sondern zerstören das grundlegende Markenvertrauen Ihrer Kunden.
  • Prozesse vor Technologie: Eine funktionierende Omnichannel-Strategie beginnt mit durchdachten, kunden- und mitarbeiterfreundlichen Prozessen (z.B. für Click & Collect und Retouren), nicht mit dem Kauf teurer Software.
  • Faire Attribution ist der Schlüssel: Ohne ein Vergütungsmodell, das alle zur Kaufentscheidung beitragenden Kanäle fair berücksichtigt, bleibt die Zusammenarbeit zwischen Online-Team und Filiale ein frommer Wunsch.

Wie wissen Sie vor dem Produktlaunch, ob der Markt überhaupt existiert?

Eine perfekt integrierte Omnichannel-Infrastruktur ist nicht nur ein Werkzeug zur Verwaltung des Bestehenden, sondern auch ein mächtiges Instrument zur Validierung der Zukunft. Statt teure Produkte auf gut Glück zu entwickeln und zu produzieren, können Händler ihre „phygitale Brücke“ nutzen, um die Marktnachfrage risikoarm zu testen. Prognosen von Euromonitor International gehen davon aus, dass im Jahr 2024 bereits 32% aller Handelsumsätze im kanalübergreifenden Einzelhandel entstehen werden. Dieses engmaschige Netz aus digitalen und physischen Touchpoints ist ein riesiger Datenpool.

Der Ansatz nennt sich Phygital-Marktvalidierung. Statt ein Produkt physisch zu launchen, wird es digital angeteasert. Händler können beispielsweise QR-Codes in ihren Filialen anbringen, die zu einer Landingpage für ein noch nicht existierendes Produkt führen. Dort können sich interessierte Kunden für eine Benachrichtigung zum Verkaufsstart eintragen. Die Anzahl der Anmeldungen ist ein hochvalider Indikator für das tatsächliche Kaufinteresse – ganz ohne Produktions- und Lagerrisiko.

Fallstudie: Hunkemöllers datengetriebene Produktentwicklung

Die Unterwäsche-Kette Hunkemöller hat diesen Ansatz perfektioniert. Nach der Einführung ihrer mobilen App nutzten nach zwei Jahren bereits 3,2 Millionen von 5 Millionen aktiven Kunden die Anwendung. Die entscheidende Erkenntnis: 80% der Ladenbesucher recherchierten vorab in der App. Dieses Wissen nutzt das Unternehmen heute, um neue Kollektionen zu validieren. Durch die Analyse von Suchanfragen in der App, angesehenen Produkten und Merklisten in Kombination mit den Nachfragen in den Filialen kann Hunkemöller extrem präzise vorhersagen, welche Produkte erfolgreich sein werden, bevor auch nur ein einziges Teil produziert ist.

Diese datengestützte Methode verbindet die Reichweite des digitalen Marketings mit der konkreten Nachfrage im physischen Raum. Sie erlaubt es Händlern, ihr Sortiment dynamisch an den echten Wünschen ihrer Kunden auszurichten, Flops zu vermeiden und die Kapitalbindung in den Lagerbeständen drastisch zu reduzieren. Der Omnichannel-Ansatz wird so von einer reaktiven Service-Leistung zu einem proaktiven strategischen Wettbewerbsvorteil.

Um Ihre Strategie zukunftssicher zu machen, ist es entscheidend zu verstehen, wie Sie digitale und physische Daten zur Marktvalidierung nutzen können.

Beginnen Sie noch heute mit der systematischen Analyse Ihrer Kundenkontaktpunkte. Identifizieren Sie die Bruchstellen in der Customer Journey, implementieren Sie faire Attributionsmodelle und nutzen Sie die gewonnene Transparenz, um nicht nur Ihre Kunden zufriedenzustellen, sondern auch Ihr Geschäft datengestützt in die Zukunft zu führen.

Häufig gestellte Fragen zur Omnichannel-Strategie

Wie verteilen sich Online-Anteile nach Branchen in Deutschland?

Die Verteilung ist sehr unterschiedlich. Consumer Electronics führt mit einem Online-Anteil von 58%, dicht gefolgt von Mode mit 51%. Der Lebensmitteleinzelhandel hingegen generiert bisher nur rund 1% seiner Umsätze online, was das Potenzial in diesem Sektor unterstreicht.

Was ist ROPO und wie misst man es?

ROPO steht für „Research Online, Purchase Offline“. Es beschreibt das Verhalten von Kunden, die sich online informieren, den Kauf aber in einer physischen Filiale tätigen. Messen lässt sich dieser Effekt zum Beispiel durch die Ausgabe von filialspezifischen Coupon-Codes auf der Webseite oder durch die Verwendung von digitalen Verkäufer-IDs, die Kunden bei der Online-Bestellung angeben können, um eine Beratung zu honorieren.

Welche Rolle spielt eine Customer Data Platform (CDP)?

Eine Customer Data Platform (CDP) ist das technologische Herzstück einer modernen Omnichannel-Strategie. Sie führt Daten aus allen Kundeninteraktionen (Webseiten-Klicks, App-Nutzung, Käufe in der Filiale, Newsletter-Öffnungen etc.) in einem zentralen Kundenprofil zusammen. Diese 360-Grad-Sicht ist die grundlegende Voraussetzung für personalisierte Angebote und eine faire, datenbasierte Umsatzverteilung zwischen den Kanälen.

Geschrieben von Lars Böttcher, B2B-Vertriebsstratege und Growth Manager. Spezialisiert auf die Digitalisierung von Vertriebsprozessen, Lead-Generierung und CRM-Implementierung im Mittelstand.