Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Digitalisierung ist für deutsche Familienunternehmen kein Trend, sondern die entscheidende Weiche zwischen Wachstum und Insolvenz in den nächsten 5 Jahren.

  • Die größten Risiken sind nicht die Technologie, sondern eine ungelöste Nachfolge und festgefahrene, interne Prozesse, die Innovation blockieren.
  • Ein messbarer ROI wird schneller durch kleine, gezielte Maßnahmen erreicht – wie die Analyse vorhandener Daten oder das Nachrüsten einer einzigen Maschine – als durch riesige, teure Projekte.

Empfehlung: Hören Sie auf, über Digitalisierung zu reden. Beginnen Sie heute mit der Analyse eines einzigen, schmerzhaften Prozesses in Ihrem Betrieb.

Sehr geehrte Unternehmerin, sehr geehrter Unternehmer, schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: Die traditionellen Stärken des deutschen Mittelstands – Qualität, Verlässlichkeit, langjährige Kundenbeziehungen – sind kein Freifahrtschein mehr für die Zukunft. Während Sie sich auf Ihr bewährtes Geschäftsmodell verlassen, ziehen digitale, global agierende Wettbewerber an Ihnen vorbei. Sie sprechen vielleicht über die Wichtigkeit von „Prozessoptimierung“ oder haben gehört, dass man „die Mitarbeiter mitnehmen“ müsse. Doch das sind nur beruhigende Floskeln, die die eigentliche, brutale Realität verschleiern.

Die Gefahr liegt nicht in der Zukunft, sie ist bereits in Ihrem Betrieb präsent. Sie schlummert in veralteten Excel-Listen, in der Zettelwirtschaft zwischen den Maschinen und in der wachsenden Kluft zwischen der Erwartungshaltung junger Fachkräfte und Ihrer Unternehmensrealität. Die Frage ist nicht mehr, *ob* Sie digitalisieren müssen, sondern *wie schnell* Sie die richtigen, überlebenswichtigen Schritte einleiten, bevor es zu spät ist. Es geht nicht um ein IT-Projekt. Es geht um einen Überlebensreflex.

Dieser Artikel ist ein Weckruf. Wir werden die generischen Ratschläge ignorieren und uns auf die knallharten Fakten konzentrieren. Wir decken die größten Insolvenztreiber auf, zeigen Ihnen, wie Sie mit minimalem Aufwand verborgene Werte in Ihrem Unternehmen heben, und benennen die teuersten Fehler, die Sie unbedingt vermeiden müssen. Es ist an der Zeit, zu handeln – nicht irgendwann, sondern jetzt.

Für eine klare Orientierung haben wir diesen Leitfaden in präzise, handlungsorientierte Abschnitte unterteilt. Das folgende Inhaltsverzeichnis dient Ihnen als Fahrplan, um die kritischsten Aspekte der digitalen Transformation für Ihr Unternehmen zu erfassen und anzugehen.

Warum Traditionsunternehmen ohne Update in 5 Jahren insolvent sein könnten

Die Vorstellung, dass ein etabliertes, profitables Unternehmen innerhalb von fünf Jahren vom Markt verschwindet, wirkt für viele Inhaber wie Panikmache. Doch die Gefahr ist real und speist sich aus drei schleichenden Entwicklungen, die oft erst bemerkt werden, wenn es zu spät ist. Diese bilden die moderne digitale Insolvenzfalle, in die immer mehr Traditionsbetriebe tappen. Ignorieren Sie diese Signale, riskieren Sie nicht nur Marktanteile, sondern die Existenz Ihres Lebenswerks.

Die kritischsten Treiber für dieses Szenario sind nicht unbedingt rote Zahlen in der Bilanz, sondern strukturelle Defizite:

  • Ungelöste Nachfolge: Ein Unternehmen, das auf Papier, Fax und Insellösungen basiert, ist für die junge Generation von Nachfolgern oder für externe Käufer hochgradig unattraktiv. Der Modernisierungsstau wird zum Deal-Breaker, weil niemand ein Sanierungsprojekt übernehmen will.
  • Verlust der Wettbewerbsfähigkeit: Große Auftraggeber in der Industrie 4.0 fordern digitale Schnittstellen für eine nahtlose Lieferkette. Wer Daten nicht in Echtzeit liefern kann, wird ausgelistet. Diese Schnittstellen-Isolation ist ein leiser Tod.
  • Fachkräftemangel: Die besten Talente erwarten moderne Arbeitswerkzeuge, flexible Arbeitsmodelle und digitale Prozesse. Ein Betrieb, der wie vor 20 Jahren geführt wird, verliert den „War for Talents“ und damit seine Innovationskraft.

Positive Gegenbeispiele zeigen, dass die Abkehr von veralteten Prozessen überlebenswichtig ist. Ein eindrucksvolles Praxisbeispiel ist das Unternehmen Schunk Präzisionswerkzeuge. Es hat seine komplexe Fertigung, bei der früher handschriftliche Zettel von Maschine zu Maschine getragen wurden, erfolgreich digitalisiert. Wie in einer Analyse erfolgreicher Mittelstands-Projekte nachzulesen ist, führte der Einsatz eines digitalen Produktionssteuerungssystems zu deutlich weniger Fehlern und einer massiv erhöhten Effizienz. Der erste Schritt war die Einsicht, dass die alte Methode ein Geschäftsrisiko darstellte.

Wie Sie verborgene Datenschätze in Ihrem Betrieb in 4 Wochen heben

Viele Unternehmer glauben, Digitalisierung beginne mit der teuren Anschaffung einer neuen Software. Das ist ein Irrtum. Der intelligenteste und kostengünstigste erste Schritt ist die Wertschöpfungs-Archäologie: das Heben und Nutzen der Daten, die bereits in Ihrem Unternehmen schlummern. In Ihren Excel-Tabellen, Buchhaltungsunterlagen und Produktionsprotokollen verbergen sich wertvolle Informationen über Ihre profitabelsten Kunden, effizientesten Prozesse und größten Kostenfresser. Sie müssen sie nur sichtbar machen.

Anstatt ein monatelanges Großprojekt zu starten, können Sie mit einem agilen 4-Wochen-Sprint bereits erste, bahnbrechende Erkenntnisse gewinnen. Der Fokus liegt darauf, schnell einen konkreten Nutzen zu erzeugen und den Wert von datengestützten Entscheidungen im gesamten Unternehmen erlebbar zu machen. Dieser Prozess benötigt keine riesigen Budgets, sondern vor allem den Willen, die richtigen Fragen zu stellen.

Nahaufnahme von Händen, die auf Geschäftsdokumente zeigen mit unscharfen Datenvisualisierungen im Hintergrund

Das Ziel ist es, von handschriftlichen Notizen und unverbundenen Dokumenten zu klaren, visuellen Auswertungen zu gelangen, die sofort verständlich sind. Die folgenden Schritte zeigen, wie Sie diesen Prozess pragmatisch und zielorientiert umsetzen können, ohne sich in technischen Details zu verlieren.

Ihr 4-Wochen-Aktionsplan: Datenschätze heben

  1. Woche 1: Die richtigen Fragen stellen. Setzen Sie sich mit Ihren Abteilungsleitern zusammen. Identifizieren Sie die 3 drängendsten Geschäftsfragen (z.B. „Welche 20% unserer Kunden generieren 80% des Deckungsbeitrags?“).
  2. Woche 2: Daten extrahieren. Konzentrieren Sie sich auf 1-2 leicht zugängliche Datenquellen. Exportieren Sie die relevanten Daten aus Ihrer Buchhaltungssoftware und der zentralen Kunden-Excel-Liste.
  3. Woche 3: Visualisieren statt lesen. Nutzen Sie ein einfaches Business-Intelligence-Tool (viele sind kostenlos oder kostengünstig, wie Microsoft Power BI). Erstellen Sie einfache Grafiken, die Ihre Geschäftsfragen beantworten.
  4. Woche 4: Erkenntnisse präsentieren. Zeigen Sie die Visualisierungen Ihrem Führungsteam. Leiten Sie eine erste, konkrete Handlung ab (z.B. eine gezielte Marketing-Aktion für Ihre profitabelste Kundengruppe).

Cloud oder On-Premise: Was lohnt sich für Firmen unter 100 Mitarbeitern?

Die Entscheidung zwischen einer Cloud-Lösung und einer eigenen Server-Infrastruktur (On-Premise) ist eine der fundamentalsten Weichenstellungen bei der Digitalisierung. Für mittelständische Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern gibt es hier oft Missverständnisse, die zu teuren Fehlentscheidungen führen. Es geht nicht um eine ideologische Frage, sondern um eine knallharte kaufmännische und strategische Abwägung von Kosten, Flexibilität und Risiko.

Die traditionelle On-Premise-Lösung, bei der die Server im eigenen Keller stehen, vermittelt ein Gefühl von Kontrolle und Datensicherheit. Doch dieser Vorteil wird teuer erkauft: hohe Anfangsinvestitionen in Hardware, laufende Kosten für Strom, Kühlung und Wartung sowie die Notwendigkeit, eigenes IT-Personal vorzuhalten, das immer schwieriger zu finden ist. Für kleinere Betriebe wird dieser Kostenblock oft zu einer schweren Belastung.

Cloud-Lösungen hingegen haben das Investitionsmodell umgedreht. Statt hoher Einmalkosten zahlen Sie eine planbare, monatliche Gebühr pro Nutzer. Dies schont die Liquidität und wandelt Investitionsausgaben (CapEx) in Betriebsausgaben (OpEx) um. Besonders wichtig ist die Skalierbarkeit: Wächst Ihr Unternehmen oder benötigen Sie saisonal mehr Leistung, buchen Sie diese einfach hinzu. Schrumpft der Bedarf, reduzieren Sie die Kosten wieder. Diese Flexibilität ist ein Wettbewerbsvorteil, den eine On-Premise-Lösung kaum bieten kann.

Der folgende Kostenvergleich, basierend auf Analysen für kleine und mittlere Unternehmen, verdeutlicht die zentralen Unterschiede und hilft bei einer fundierten Entscheidung. Eine vergleichende Analyse der Bundesnetzagentur zeigt die typischen Kostenstrukturen auf:

Kostenvergleich Cloud vs. On-Premise für KMU
Kriterium Cloud-Lösung On-Premise
Initialkosten Niedrig (monatliche Gebühren) Hoch (Hardware, Lizenzen)
Laufende Kosten Planbar (Abo-Modell) Variabel (Strom, Wartung)
Skalierbarkeit Flexibel und schnell Aufwändig und teuer
Datenkontrolle Beim Anbieter Vollständig intern
IT-Personal Minimal erforderlich Dedizierte IT-Kräfte nötig

Der Fehler, der bei der Digitalisierung 50.000 € verbrennt

Der größte und teuerste Fehler bei Digitalisierungsprojekten im Mittelstand ist selten technischer Natur. Er ist menschlich und in der DNA vieler Familienunternehmen verankert. Es ist der „Patriarchen-Fehler“: Der Inhaber oder die Geschäftsführung entscheidet im stillen Kämmerlein über die Anschaffung einer neuen Software, ohne die Mitarbeiter, die täglich damit arbeiten müssen, und den Betriebsrat von Anfang an einzubinden. Das Ergebnis ist fast immer dasselbe: Die teure Software wird nicht akzeptiert, nicht genutzt und die alten, ineffizienten Prozesse leben im Verborgenen weiter. Zehntausende Euro sind verbrannt.

Die Digitalisierung scheitert nicht am Willen, sondern an der Umsetzung. Eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom bestätigt diesen schmerzhaften Befund. Wie Cancom in seiner Analyse berichtet, geben fast die Hälfte der Unternehmen Probleme bei der Umsetzung zu, eine Situation, die sich sogar verschärft hat.

48 Prozent der Unternehmen berichten von Problemen bei der Umsetzung der Digitalisierung, was sich im Vergleich zum Vorjahr weiter verschärft hat.

– Bitkom, Bitkom-Studie zur Digitalisierung 2024

Um dieses Desaster zu vermeiden, müssen Sie die drei häufigsten und teuersten Fehler kennen und proaktiv gegensteuern:

  • Der Patriarchen-Fehler: Investieren Sie niemals in eine Software, ohne ein Team aus zukünftigen Anwendern zu bilden, das die Anforderungen definiert und die Auswahl mitgestaltet. Machen Sie Ihre Mitarbeiter zu Mit-Gestaltern, nicht zu Befehlsempfängern.
  • Der Insel-Lösungs-Fehler: Vermeiden Sie die Anschaffung von nicht kompatiblen Tools für verschiedene Abteilungen. Dies führt unweigerlich zu Datensilos, in denen Informationen gefangen sind. Bestehen Sie auf offene Schnittstellen und eine zentrale Datenstrategie.
  • Fehlende Förderung: Viele Unternehmen versäumen es, staatliche Förderprogramme wie „Digital Jetzt“ zu beantragen. Damit verzichten sie auf Zuschüsse, die die Investitionslast erheblich senken könnten. Die Recherche nach Fördertöpfen ist keine Kür, sondern eine Pflicht.

Wann ist der perfekte Zeitpunkt für den Wechsel auf ein papierloses Büro?

Die Umstellung auf ein papierloses oder zumindest papierarmes Büro ist einer der greifbarsten Schritte der Digitalisierung. Doch viele Unternehmer zögern. Sie fürchten den Aufwand, die rechtlichen Hürden (Stichwort: GoBD-Konformität) und die Störung eingespielter Abläufe. Die Frage ist also nicht *ob*, sondern *wann* der richtige Moment für diese Transformation ist. Die Antwort liegt oft in sozialen und betrieblichen Wendepunkten, die als Katalysator für den Wandel dienen können.

Der absolut beste Zeitpunkt ist ein Generationenwechsel in der Führung oder die Einstellung neuer, junger Mitarbeiter. Eine neue Führungskraft oder digital-affine Talente bringen eine natürliche Erwartungshaltung an moderne Prozesse mit und können die alten Zöpfe leichter abschneiden. Ihre Motivation kann genutzt werden, um das Projekt voranzutreiben und die Akzeptanz im Team zu fördern. Ein weiterer idealer Anlass ist ein Büroumzug oder eine Renovierung, da hierbei die physischen Archive ohnehin bewegt werden müssen und die Frage nach deren Zukunft auf natürliche Weise aufkommt.

Die Vorteile sind oft viel größer als nur die Einsparung von Papier und Druckertinte. Ein digitales Dokumentenmanagement beschleunigt Freigabeprozesse, verbessert den Kundenservice durch sofortigen Zugriff auf alle relevanten Informationen und reduziert die Suchzeiten drastisch. Dies hat direkte Auswirkungen auf die Liquidität und Effizienz.

Praxisbeispiel: Berliner Handelsunternehmen

Ein Handelsunternehmen mit 60 Mitarbeitern in Berlin liefert den Beweis. Durch die konsequente Digitalisierung seiner dokumentenbasierten Prozesse konnte der Betrieb nicht nur den Verbrauch von 80 Aktenordnern pro Jahr eliminieren. Viel entscheidender war, dass durch die schnellere Rechnungs- und Mahnungsabwicklung die Außenstände, also offene Forderungen, um beeindruckende 90 Prozent reduziert werden konnten. Dieser Effekt hat die Liquidität des Unternehmens massiv verbessert und die Investition in kurzer Zeit amortisiert.

Warten Sie nicht auf den „perfekten“ Tag. Nutzen Sie den nächsten betrieblichen Anlass als Sprungbrett und starten Sie mit einer Abteilung, zum Beispiel der Buchhaltung, um erste Erfolge zu erzielen und als Vorbild für den Rest des Unternehmens zu dienen.

Warum Ihre Excel-Liste ab 50 Mitarbeitern zum betrieblichen Risiko wird

Excel ist das Schweizer Taschenmesser des Büros – vielseitig, vertraut und scheinbar unverzichtbar. Doch was in einem Kleinbetrieb funktioniert, wird in einem wachsenden Unternehmen ab etwa 50 Mitarbeitern zu einer tickenden Zeitbombe. Eine zentrale Excel-Liste zur Verwaltung von Kunden, Projekten oder Personal ist kein Zeichen von Pragmatismus, sondern ein Indikator für ein ernsthaftes betriebliches Risiko. Dieses Risiko hat drei Dimensionen: rechtlich, operativ und prozessual.

Erstens, das DSGVO-Risiko: Eine ungeschützte Excel-Datei mit hunderten von Kundendaten auf einem lokalen Laufwerk oder in einer E-Mail ist ein Albtraum für jeden Datenschutzbeauftragten. Bei einem Datenleck, Verlust oder unbefugtem Zugriff drohen empfindliche Bußgelder, die in die Millionen gehen können. Die manuelle Verwaltung von Zugriffsrechten und Löschfristen ist in Excel praktisch unmöglich und ein klarer Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung.

Zweitens, der „Bus-Faktor“: Dieses drastische Bild beschreibt ein kritisches operatives Risiko. Was passiert, wenn die eine Person, die die komplexe, mit Makros überladene „Master-Excel“ versteht und pflegt, vom Bus überfahren wird – oder schlicht kündigt oder krank wird? Oft steht dann ein ganzer Unternehmensbereich still, weil essenzielles Prozesswissen an eine einzige, fragile Datei und eine einzige Person gekoppelt ist.

Drittens, der GoBD-Verstoß: Spätestens wenn Excel für die Rechnungsstellung oder als eine Art Nebenbuchhaltung verwendet wird, droht Ärger mit dem Finanzamt. Excel-Dateien erfüllen nicht die „Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form“. Sie sind veränderbar und nicht revisionssicher, was bei einer Betriebsprüfung zu empfindlichen Strafen führen kann. Ab einer gewissen Unternehmensgröße ist der Wechsel zu einem echten ERP- oder CRM-System keine Option, sondern eine rechtliche Notwendigkeit.

Was bringt die europäische Cloud-Initiative für den deutschen Mittelstand?

In der Diskussion um Cloud-Lösungen taucht immer wieder ein Bedenken auf, das gerade im sicherheitsbewussten deutschen Mittelstand tief verankert ist: die Datenhoheit. Was passiert mit meinen sensiblen Unternehmensdaten, wenn sie auf den Servern amerikanischer Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google liegen? Können US-Behörden über Gesetze wie den „Cloud Act“ darauf zugreifen? Genau hier setzt die europäische Cloud-Initiative Gaia-X an.

Gaia-X ist kein neuer Cloud-Anbieter. Es ist vielmehr ein Regelwerk, ein Standard, der eine sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa schaffen soll. Das Ziel ist es, die Vorteile der Cloud – Flexibilität, Skalierbarkeit, Kosteneffizienz – nutzbar zu machen, ohne die Kontrolle über die eigenen Daten zu verlieren. Für den deutschen Mittelstand ist dies von strategischer Bedeutung, um nicht in eine vollständige Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu geraten.

Weitwinkelaufnahme eines modernen Serverraums mit abstrakten Lichtverbindungen

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz formuliert den Kerngedanken klar. In einer Stellungnahme zur Digitalisierung im Mittelstand wird betont, dass es darum geht, die digitale Souveränität zu wahren.

Gaia-X soll dem deutschen Mittelstand helfen, die Kontrolle über seine Daten zu behalten und nicht dem Zugriff von US-Behörden auf Server von Hyperscalern ausgesetzt zu sein.

– Bundesministerium für Wirtschaft, Digitalisierung im Mittelstand voranbringen

Konkret bedeutet das für Sie als Unternehmer: Wenn Sie einen Cloud-Dienst wählen, der Gaia-X-konform ist, können Sie sicher sein, dass dieser europäischen Werten und Datenschutzstandards wie der DSGVO entspricht. Es fördert einen fairen Wettbewerb und ermöglicht es Ihnen, Daten sicher mit anderen europäischen Partnern auszutauschen, zum Beispiel in einem Industrie-4.0-Netzwerk. Gaia-X ist somit ein strategischer Baustein, um die digitale Souveränität Ihres Unternehmens langfristig zu sichern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Digitalisierung ist kein IT-Projekt, sondern eine Überlebensstrategie. Die größten Risiken sind eine ungelöste Nachfolge und der Verlust von Fachkräften.
  • Beginnen Sie klein und messbar: Das Heben vorhandener Datenschätze oder das Nachrüsten (Retrofitting) einer einzigen Maschine bringt oft mehr als ein teures Großprojekt.
  • Die Wahl der Infrastruktur (Cloud vs. On-Premise) und die Vermeidung von Insellösungen sind fundamentale strategische Entscheidungen, die die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens bestimmen.

Ist Ihre „Smart Factory“ Realität oder nur eine Vision auf Papier?

Der Begriff „Smart Factory“ geistert durch alle Management-Präsentationen. Er beschwört Bilder von vollautomatisierten Hallen, in denen Roboter autonom agieren und künstliche Intelligenz die Produktion steuert. Für viele mittelständische Betriebe wirkt diese Vision so fern und unerreichbar, dass sie resignieren und das Thema gar nicht erst angehen. Das ist ein fataler Fehler, denn die Realität der Smart Factory im Mittelstand sieht völlig anders aus. Sie beginnt nicht mit einem Big Bang, sondern mit einem kleinen, intelligenten ersten Schritt: dem Retrofitting.

Anstatt Ihren bewährten und oft schon abgeschriebenen Maschinenpark teuer zu ersetzen, können Sie einzelne, ältere Maschinen mit moderner Sensorik und Konnektivität nachrüsten. Ein einfacher Sensor, der die Laufzeit, Temperatur oder Vibration einer Maschine misst und diese Daten digital verfügbar macht, ist der erste Baustein Ihrer Smart Factory. Die Kosten dafür sind überschaubar, der Nutzen aber oft enorm: Sie können vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) einführen, Stillstandzeiten reduzieren und die Auslastung Ihrer Anlagen objektiv messen und optimieren.

Makroaufnahme eines modernen Sensors an traditioneller Industriemaschine

Diese pragmatische Herangehensweise senkt die Eintrittshürde massiv und macht die digitale Transformation greifbar und finanzierbar. Die Smart Factory ist kein Zustand, den man kauft, sondern ein Prozess, den man startet.

Fallstudie: Der erste Schritt zur Smart Factory im Mittelstand

Eine Analyse von Projekten in Mittelstand-Digital Zentren zeigt eindrücklich: Kleinere Produktionsbetriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern erzielten bereits mit Budgets von unter 20.000 € einen messbaren Return on Investment, indem sie einzelne, kritische Prozesse digitalisierten. Statt auf die große Roboter-Revolution zu warten, vernetzten sie eine einzige, alte Maschine durch Retrofitting. In den kostenlosen Demonstrationsfabriken, die von den Zentren angeboten werden, konnten sie diese ersten Schritte risikofrei ausprobieren und die passenden Sensoren und Softwarelösungen für ihren spezifischen Anwendungsfall finden.

Ihre Smart Factory muss keine Vision auf einem Hochglanzprospekt sein. Sie kann morgen in Ihrer Produktionshalle beginnen – mit einer einzigen, intelligent nachgerüsteten Maschine. Der Schlüssel ist, anzufangen.

Um von der Vision zur Tat zu schreiten, ist es essenziell zu verstehen, wie Sie Ihre "Smart Factory" schrittweise zur Realität machen.

Häufige Fragen zur Digitalisierung im Mittelstand

Welche rechtlichen Anforderungen muss ein digitales Archiv erfüllen?

Ein digitales Archiv muss in Deutschland zwingend GoBD-konform sein. Das bedeutet, es muss die „Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form sowie zum Datenzugriff“ einhalten. Konkret heißt das: Dokumente müssen unveränderbar, vollständig, nachvollziehbar und jederzeit verfügbar archiviert werden.

Wie hoch ist der ROI beim Wechsel zum papierlosen Büro?

Der Return on Investment (ROI) setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Direkt messbar sind die Einsparungen bei Papier, Druckern, Toner und Lagerfläche. Der weitaus größere, aber oft unterschätzte Hebel liegt jedoch in der drastischen Reduzierung der Arbeitszeit für das Suchen, Ablegen, Verteilen und Freigeben von Dokumenten. Dies setzt wertvolle Mitarbeiterkapazitäten für wertschöpfende Tätigkeiten frei.

Welcher Anlass eignet sich am besten für die Umstellung?

Der ideale soziale Moment für eine tiefgreifende digitale Transformation ist oft der Generationenwechsel in der Geschäftsführung oder die bewusste Einstellung junger, digital-affiner Mitarbeiter in Schlüsselpositionen. Diese Personen können als „Change Agents“ fungieren und helfen, Widerstände im Unternehmen zu überwinden und eine neue, digitale Kultur zu etablieren.

Geschrieben von Michael Gross, IT-Architekt und Berater für Datensicherheit und Cloud-Systeme. Experte für ERP-Migrationen und die technische Absicherung von Geschäftsprozessen.