Veröffentlicht am März 12, 2024

Ihre Smart Factory ist näher, als Sie denken – wenn Sie aufhören, an die eine große Revolution zu glauben, und stattdessen auf inkrementelle, datengetriebene Schritte setzen.

  • Die Simulation von Produktionsänderungen per Digitalem Zwilling verhindert teure Stillstände und testet Szenarien risikofrei.
  • Ein privates 5G-Campusnetz bietet im Vergleich zu Wi-Fi 6 überlegene Störfestigkeit und garantiert volle Datenhoheit, was für autonome Prozesse entscheidend ist.
  • Predictive Maintenance reduziert nicht nur Wartungskosten, sondern sichert die Lieferfähigkeit durch die Vermeidung ungeplanter Ausfälle.

Empfehlung: Beginnen Sie nicht mit Technologie, sondern mit einem klar definierten Problem. Analysieren Sie Ihre OEE-Daten – dort liegt der erste Schatz, der den Weg zur schrittweisen Transformation ebnet.

Als technischer Geschäftsführer hören Sie die Begriffe täglich: Smart Factory, Industrie 4.0, Digitaler Zwilling. Die Vision einer voll vernetzten, selbstoptimierenden Fabrik ist verlockend. Doch zwischen den Hochglanzbroschüren der Systemanbieter und der Realität in Ihrer Produktionshalle klafft oft eine Lücke. Die bestehenden Anlagen – Ihr „Brownfield“ – sind das Rückgrat Ihres Erfolgs, aber sie scheinen für diese futuristischen Konzepte nicht gemacht. Man spricht über die Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette, doch oft bleibt es bei Insellösungen und Pilotprojekten, die nie wirklich skalieren.

Die üblichen Ratschläge sind bekannt: „Sammeln Sie Daten“, „Starten Sie klein“, „Seien Sie agil“. Doch diese Platitüden lassen die entscheidenden Fragen unbeantwortet. Welche Daten sind wirklich wertschöpfungsrelevant? Was bedeutet „klein“ im Kontext eines komplexen Maschinenparks? Und wie rechtfertigt man die Investition, wenn der ROI nicht sofort greifbar ist? Viele Unternehmen verharren daher in einer strategischen Lähmung – die Vision der Smart Factory bleibt ein Papiertiger, während der Wettbewerb Fakten schafft.

Doch was, wenn der Schlüssel nicht darin liegt, Ihre Fabrik von Grund auf neu zu erfinden, sondern darin, die vorhandene Intelligenz systematisch zu heben und gezielt zu vernetzen? Der Weg zur Smart Factory ist kein Sprung, sondern eine Treppe. Jeder Schritt muss ein konkretes Problem lösen und einen messbaren Nutzen bringen. Es geht nicht darum, die modernste Technologie zu besitzen, sondern darum, die richtige Technologie zur Lösung Ihres spezifischen Problems einzusetzen – von der vorausschauenden Wartung bis zur autonomen Kommunikation zwischen Werkstück und Maschine.

Dieser Artikel dekonstruiert die großen Visionen und übersetzt sie in einen machbaren Fahrplan für den deutschen Mittelstand. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die zentralen Herausforderungen der Industrie 4.0 pragmatisch angehen, von der Simulation über die Konnektivität bis zur Mensch-Roboter-Kollaboration. Sie werden verstehen, wie Sie die Datenschätze in Ihrem Betrieb heben und Verschwendung sichtbar machen, um Ihre Produktion nicht nur digitaler, sondern vor allem resilienter und wettbewerbsfähiger zu machen.

Um diese Transformation greifbar zu machen, beleuchten wir in den folgenden Abschnitten die entscheidenden technologischen und strategischen Bausteine. Der Weg führt von der virtuellen Absicherung Ihrer Prozesse über die Schaffung einer robusten Kommunikationsinfrastruktur bis hin zur konkreten Umsetzung einer schrittweisen Modernisierung.

Wie simulieren Sie Produktionsänderungen, ohne die echte Anlage zu stoppen?

Eine der größten Hürden bei der Optimierung von Produktionslinien ist das Risiko. Jede Änderung, sei es ein neues Produkt, eine Taktzeit-Anpassung oder eine neue Maschinenkonfiguration, birgt die Gefahr von kostspieligen Stillständen, wenn sie direkt an der realen Anlage getestet wird. Hier kommt das Konzept des Digitalen Zwillings ins Spiel. Es geht weit über eine reine 3D-Visualisierung hinaus. Der digitale Zwilling ist ein dynamisches, datengestütztes Abbild Ihrer physischen Anlage, das deren Verhalten in Echtzeit spiegelt und vorhersagt.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine neue Roboterzelle virtuell in Ihre bestehende Linie integrieren, Materialflüsse simulieren oder die Auswirkungen eines schnelleren Taktzyklus auf nachgelagerte Prozesse testen – alles am Computer, ohne eine einzige Schraube in der Realität zu bewegen. Genau das ermöglicht der digitale Zwilling. Laut Experten des Fraunhofer IOSB ist er das zentrale Werkzeug, um eine Anlage zu simulieren, zu steuern und kontinuierlich zu verbessern. Er basiert auf Modellen des korrekten Laufzeitverhaltens, die durch maschinelles Lernen aus den realen Betriebsdaten Ihrer Maschinen gelernt werden. Dies schafft eine risikofreie Testumgebung für Innovationen.

Das Potenzial ist enorm. Die Erwartung einer 10% Produktivitätssteigerung in der industriellen Fertigung durch Smart-Factory-Konzepte zeigt, dass dies keine akademische Spielerei ist. Der digitale Zwilling ist der erste, entscheidende Schritt, um Komplexität beherrschbar zu machen. Er erlaubt es Ihnen, „Was-wäre-wenn“-Szenarien durchzuspielen und Optimierungen auf einer soliden Datenbasis zu validieren, bevor sie in die Produktion gehen. Das senkt nicht nur das Risiko, sondern beschleunigt auch Innovationszyklen dramatisch.

Letztendlich verwandelt der digitale Zwilling Unsicherheit in vorausschauende Planung und macht Ihre Produktion flexibler und resilienter gegenüber den sich ständig ändernden Marktanforderungen.

Lohnt sich der Aufbau eines eigenen Mobilfunknetzes für die Fabrikhalle?

Eine Smart Factory lebt von der nahtlosen und zuverlässigen Kommunikation unzähliger Sensoren, Maschinen, mobiler Roboter (AGVs) und Mitarbeiter. Während Wi-Fi 6 eine valide Option darstellt, stößt es in anspruchsvollen industriellen Umgebungen oft an seine Grenzen. Metallische Strukturen reflektieren Signale, und die Nutzung geteilter Frequenzbänder führt zu Interferenzen. Für kritische Anwendungen, bei denen eine Latenz von wenigen Millisekunden über Erfolg oder Ausfall entscheidet, ist eine robustere Lösung erforderlich: das private 5G-Campusnetz.

Ein eigenes 5G-Netz in der Fabrikhalle zu betreiben, klingt zunächst nach einem gewaltigen Unterfangen. Doch die Vorteile sind für bestimmte Anwendungsfälle entscheidend. Sie operieren auf einer exklusiv für Sie lizenzierten Frequenz, was eine extrem hohe Störfestigkeit garantiert. Noch wichtiger ist jedoch die vollständige Datenhoheit: Alle Daten bleiben innerhalb Ihres Werksgeländes und verlassen niemals Ihr internes Netz. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die sichere Steuerung autonomer Systeme und den Schutz sensibler Produktionsdaten. Die Tatsache, dass die Bundesnetzagentur bis Januar 2024 bereits 371 solcher Lizenzen in Deutschland vergeben hat, zeigt, dass der Mittelstand dieses Potenzial erkannt hat.

Private 5G-Campusnetz Infrastruktur in einer deutschen Produktionshalle

Die Entscheidung zwischen 5G und Wi-Fi 6 ist letztlich eine Kosten-Nutzen-Analyse, die von Ihren spezifischen Anforderungen abhängt. Der folgende Vergleich zeigt die wichtigsten Unterschiede auf:

Kostenvergleich 5G-Campusnetz vs. Wi-Fi 6
Kriterium 5G-Campusnetz Wi-Fi 6
Lizenzkosten (10 Jahre, 20.000m²) 4.600 EUR (einmalig) Keine Lizenzgebühren
Hardware-Investition ab 75.000 EUR ab 30.000 EUR
Bandbreite 2-10 Gbit/s bis 9,6 Gbit/s
Störfestigkeit Sehr hoch (exklusive Frequenz) Mittel (geteilte Frequenz)
Datenhoheit 100% lokal 100% lokal

Während die Anfangsinvestition für ein 5G-Campusnetz höher ist, bietet es eine Zukunftssicherheit und Performance, die für die nächste Stufe der Automatisierung, insbesondere für mobile Robotik und echtzeitfähige Prozesssteuerung, unverzichtbar sein kann.

Wie sicher ist die Zusammenarbeit mit Robotern ohne Schutzzaun?

Das Bild von Industrierobotern ist oft geprägt von großen, schnellen Maschinen, die hinter massiven Schutzzäunen agieren. Die Vision der Industrie 4.0 sieht jedoch eine flexible Produktion vor, in der Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Diese Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern eine Realität, die durch kollaborative Roboter, sogenannte Cobots, ermöglicht wird. Doch die entscheidende Frage für jeden Verantwortlichen lautet: Wie wird die Sicherheit der Mitarbeiter ohne physische Barrieren gewährleistet?

Die Antwort liegt in einer Kombination aus intelligenter Sensorik, Software und strengen normativen Vorgaben. Cobots sind mit Kraft-Momenten-Sensoren ausgestattet, die bei einer unerwarteten Berührung sofort stoppen. Andere Systeme nutzen Kameras oder Laserscanner, um ihre Geschwindigkeit zu reduzieren, wenn sich ein Mensch nähert, und halten vollständig an, wenn er in den direkten Arbeitsbereich tritt. Diese Technologien sind nicht dem Zufall überlassen. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) wacht mit strengen Richtlinien über die Sicherheit.

Wie eine führende Autorität in Deutschland betont, ist der Prozess klar geregelt:

Die Zertifizierung von Mensch-Roboter-Kollaborationen erfolgt nach strengen Vorgaben der ISO/TS 15066.

– DGUV, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung – Sicherheitsstandards

Diese Norm definiert exakt die Grenzwerte für Kräfte und Drücke, die bei einer Kollision auftreten dürfen, um Verletzungen auszuschließen. Jede MRK-Anwendung muss eine detaillierte Risikobeurteilung durchlaufen und zertifiziert werden. Dies schafft einen verlässlichen Rahmen, der es Unternehmen wie dem deutschen Robotik-Pionier KUKA ermöglicht, Cobots beispielsweise zur ergonomischen Entlastung einer alternden Belegschaft bei monotonen oder schweren Montageaufgaben einzusetzen. Die Sicherheit hat hierbei stets oberste Priorität und wird durch Technologie und Normung gewährleistet.

Somit sind Cobots nicht nur ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung, sondern auch ein Mittel, um Arbeitsplätze ergonomischer und sicherer zu gestalten und die wertvolle Erfahrung Ihrer Mitarbeiter mit der Präzision der Robotik zu kombinieren.

Wie kommunizieren Werkstück und Maschine autonom miteinander?

In einer echten Smart Factory weiß die Maschine, was mit dem Bauteil zu tun ist, das gerade auf dem Förderband ankommt – ohne dass ein Mitarbeiter einen Auftrag manuell eingeben muss. Das Werkstück selbst wird zum Informationsträger und teilt der Anlage seine Identität, seine Bearbeitungshistorie und den nächsten erforderlichen Produktionsschritt mit. Diese autonome Kommunikation ist das Herzstück einer flexiblen, Losgröße-1-fähigen Fertigung. Doch wie funktioniert diese „Unterhaltung“ auf technischer Ebene?

Zwei Konzepte sind hierfür in der deutschen Industrie 4.0-Landschaft zentral: die Verwaltungsschale (Asset Administration Shell, AAS) und der Kommunikationsstandard OPC UA. Man kann sich die Verwaltungsschale als den digitalen Personalausweis oder Lebenslauf für jedes Asset vorstellen – sei es ein Bauteil, eine Maschine oder ein ganzer Roboter. Sie enthält alle relevanten Informationen: von den technischen Spezifikationen über die Wartungshistorie bis hin zum nächsten Ziel im Produktionsprozess. Sie ist der standardisierte digitale Repräsentant des physischen Objekts.

Damit diese Informationen jedoch von Maschinen unterschiedlicher Hersteller verstanden werden können, benötigen sie eine gemeinsame Sprache. Genau diese Sprache ist OPC UA (Open Platform Communications Unified Architecture). Dieser vom VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) stark vorangetriebene Standard sorgt für Interoperabilität im heterogenen Maschinenpark des deutschen Mittelstands. Er stellt sicher, dass eine Siemens-Steuerung die Daten aus der Verwaltungsschale eines KUKA-Roboters lesen und interpretieren kann. Diese Kombination aus standardisiertem „Ausweis“ (AAS) und gemeinsamer „Sprache“ (OPC UA) ist die technische Grundlage für eine echte Plug-and-Produce-Fähigkeit.

Die Implementierung dieser Standards löst nicht nur technische Herausforderungen, sondern wirft auch organisatorische Fragen auf, etwa zur Datenhoheit und Haftung, die durch klare vertragliche Rahmenbedingungen geklärt werden müssen. Doch der Nutzen – eine drastisch erhöhte Flexibilität und Effizienz – ist der entscheidende Treiber für diese Entwicklung.

Wie Sie verborgene Datenschätze in Ihrem Betrieb in 4 Wochen heben

Viele Unternehmen glauben, sie müssten erst eine teure und komplexe Sensor-Infrastruktur aufbauen, um mit Industrie 4.0 zu beginnen. Die Wahrheit ist: In den meisten Betrieben schlummern bereits riesige, ungenutzte Datenschätze in bestehenden Systemen. Der Schlüssel liegt nicht darin, mehr Daten zu sammeln, sondern die wertschöpfungsrelevanten Daten zu identifizieren und zu nutzen. Ein pragmatischer „Data Discovery Sprint“ kann in nur vier Wochen erste Erfolge sichtbar machen und den Grundstein für größere Projekte legen.

Der Prozess beginnt nicht mit Technologie, sondern mit den größten „Schmerzpunkten“ in Ihrer Produktion. Wo entstehen die meisten ungeplanten Stillstände? Wo gibt es Qualitätsprobleme? Mit diesen Fragen im Hinterkopf können Sie einen gezielten Sprint starten:

  • Woche 1: Analyse der OEE-Daten. Ihre Anlagen- und Maschinensteuerungen (SPS) protokollieren oft bereits Stillstandsgründe, Taktzeiten und Ausschuss. Eine systematische Auswertung dieser Overall Equipment Effectiveness (OEE)-Daten deckt die größten „Low-Hanging Fruits“ für eine schnelle Produktivitätssteigerung auf.
  • Woche 2: Auswertung von ERP-Prozessdaten. Ihr ERP-System (z.B. SAP) ist eine Goldgrube für Prozessdaten. Auftragsdurchlaufzeiten, Rüstzeiten oder Materialverfügbarkeiten geben Aufschluss über Ineffizienzen, die nicht auf eine einzelne Maschine beschränkt sind, sondern den gesamten Prozess betreffen.
  • Woche 3: Digitalisierung von Erfahrungswissen. Führen Sie strukturierte Interviews mit Ihren erfahrensten Produktionsmeistern und Anlagenführern. Deren Bauchgefühl und über Jahre gewachsenes Wissen über die „Macken“ einer Maschine sind ein unschätzbarer Datenschatz, der digitalisiert und in Regeln oder Modelle überführt werden kann.
  • Woche 4: Umsetzung erster Maßnahmen. Basierend auf den Erkenntnissen der ersten drei Wochen können Sie konkrete, schnell umsetzbare Maßnahmen definieren. Das kann eine Anpassung der Wartungsintervalle, eine Optimierung der Rüstprozesse oder die Implementierung einer einfachen Zustandsüberwachung an einer kritischen Maschine sein.

Dieser Ansatz liefert nicht nur schnelle Ergebnisse und einen messbaren ROI, sondern schafft auch Akzeptanz im Team, da er auf vorhandenem Wissen aufbaut und die Mitarbeiter aktiv einbindet. Es ist der pragmatische Gegenentwurf zur jahrelangen Implementierung eines allumfassenden digitalen Zwillings, auch wenn eine aktuelle Studie zeigt, dass 35% der Unternehmen bis 2040 eine vollständige System-Abbildung erwarten. Der Weg dorthin beginnt mit der Nutzung dessen, was Sie bereits haben.

Ein solcher 4-Wochen-Sprint beweist den Wert von datengestützten Entscheidungen und schafft die Grundlage und die finanzielle Rechtfertigung für die nächsten, größeren Schritte auf dem Weg zur Smart Factory.

Warum Verschwendung in Prozessen oft unsichtbar ist

Jeder Produktionsleiter kennt die sieben Arten der Verschwendung (Muda) aus dem Lean Management: Überproduktion, Wartezeiten, unnötige Transporte, etc. Doch in komplexen, digitalisierten Prozessen entsteht eine neue Form der Verschwendung, die mit dem bloßen Auge oder einer Stoppuhr kaum zu erkennen ist: die digitale Verschwendung. Sie versteckt sich in den Lücken, Schleifen und Umwegen, die Prozesse im IT-System nehmen, aber auf keinem offiziellen Prozessplan verzeichnet sind.

Der geplante „Soll-Prozess“ im ERP-System sieht oft linear und effizient aus. Die Realität, die „Prozess-Wahrheit“, ist jedoch häufig ein chaotisches Spaghettidiagramm aus Nacharbeiten, Freigabeschleifen und Systemwechseln. Ein Auftrag, der laut Plan in drei Tagen fertig sein sollte, benötigt in der Praxis vielleicht fünf Tage, weil er mehrfach zwischen Abteilungen hin- und hergeschickt wird. Diese Abweichungen sind in den digitalen Fußspuren – den Zeitstempeln in Ihren IT-Systemen (ERP, MES) – verborgen.

Genau hier setzen moderne Werkzeuge wie das Process Mining an. Sie rekonstruieren aus diesen Zeitstempeln den tatsächlichen Prozessablauf und visualisieren ihn. So werden versteckte Ineffizienzen plötzlich sichtbar.

Process Mining Tools wie Celonis decken versteckte Schleifen und Verzögerungen auf, die von der Planung abweichen. Mikro-Stillstände von wenigen Sekunden summieren sich zu Stunden an Produktionszeit.

Process Mining bei deutschen Unternehmen

Diese Mikro-Stillstände oder kurzen Wartezeiten summieren sich über Tausende von Prozessdurchläufen zu erheblichen Produktivitätsverlusten. Process Mining macht diese unsichtbare Verschwendung nicht nur sichtbar, sondern auch quantifizierbar. Sie können genau beziffern, wie viel Zeit und Geld durch eine bestimmte Prozess-Schleife verloren geht. Dies liefert eine unanfechtbare, datengestützte Grundlage, um Prozessverbesserungen zu priorisieren und deren Erfolg anschließend zu messen. Es ist der Übergang von der vermutungsbasierten zur faktenbasierten Prozessoptimierung.

Damit wird die Digitalisierung vom reinen Effizienzwerkzeug zum Transparenz-Instrument, das die wahren Hebel zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit aufdeckt.

Wie verhindert Predictive Maintenance den Stillstand Ihrer Produktion?

Ungeplante Maschinenstillstände sind der Albtraum jeder Fertigung. Sie führen nicht nur zu direkten Produktionsausfällen und Kosten, sondern gefährden auch Liefertermine und Kundenbeziehungen. Traditionelle, kalenderbasierte Wartung versucht, dies durch präventiven Austausch von Teilen zu verhindern, was oft unnötig und teuer ist. Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung) geht einen entscheidenden Schritt weiter: Sie wartet nicht nach einem festen Plan, sondern genau dann, wenn die Daten signalisieren, dass ein Ausfall bevorsteht.

Das Ziel ist es, den optimalen Wartungszeitpunkt zu finden – so spät wie möglich, aber so früh wie nötig. Dies wird durch die Analyse von Sensordaten (z. B. Vibrationen, Temperaturen, Ölqualität) mithilfe von KI-Algorithmen erreicht. Diese Algorithmen lernen das „normale“ Verhalten einer Maschine und erkennen kleinste Abweichungen, die auf einen sich anbahnenden Defekt hindeuten, lange bevor er für einen Menschen sichtbar oder hörbar wäre. Der Nutzen ist direkt messbar: Statistiken zeigen eine durchschnittliche 30% Reduktion der Wartungskosten durch den Einsatz solcher Methoden.

Es ist jedoch wichtig, Predictive Maintenance von der einfacheren Condition-Based Maintenance zu unterscheiden. Während letztere bei Überschreitung eines festen Schwellenwerts (z. B. „Temperatur über 80°C“) einen Alarm auslöst, nutzen vorausschauende Systeme komplexe Mustererkennung, um Ausfälle Tage oder Wochen im Voraus zu prognostizieren.

Predictive vs. Condition-Based Maintenance
Kriterium Predictive Maintenance (KI-basiert) Condition-Based Maintenance (regelbasiert)
Vorhersagegenauigkeit Hoch (Machine Learning) Mittel (feste Schwellwerte)
Implementierungskosten Hoch (KI-Expertise nötig) Mittel
Datenbedarf Große historische Datensätze Echtzeitdaten ausreichend
Flexibilität Selbstlernend und adaptiv Statische Regeln
ROI-Zeitraum 12-18 Monate 6-9 Monate

Die Entscheidung für die richtige Wartungsstrategie hängt von der Kritikalität der Anlage und der Datenverfügbarkeit ab. Um die Potenziale voll auszuschöpfen, ist es entscheidend, die Mechanismen der vorausschauenden Wartung zu verstehen.

Predictive Maintenance ist somit eine der wertvollsten Anwendungen der Industrie 4.0, da sie einen direkten und signifikanten Einfluss auf die Overall Equipment Effectiveness (OEE) und damit auf das Betriebsergebnis hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Smart Factory ist kein Endziel, sondern ein kontinuierlicher Prozess pragmatischer, datengestützter Verbesserungen auf Basis Ihrer bestehenden Anlagen (Brownfield).
  • Technologien wie der Digitale Zwilling, 5G-Campusnetze und OPC UA sind keine Selbstzwecke, sondern Werkzeuge zur Lösung konkreter Probleme wie Risikominimierung, Datenhoheit und Interoperabilität.
  • Der wirtschaftliche Erfolg der Transformation hängt davon ab, unsichtbare Verschwendung durch Process Mining aufzudecken und teure Stillstände durch Predictive Maintenance zu verhindern.

Welche Schritte müssen Sie gehen, um von Industrie 3.0 zu 4.0 zu kommen?

Der Übergang von der automatisierten (Industrie 3.0) zur vernetzten, intelligenten Produktion (Industrie 4.0) ist kein Schalter, den man umlegt. Es ist eine evolutionäre Reise, die strategisch geplant werden muss. Für den deutschen Mittelstand ist ein pragmatisches, schrittweises Vorgehen entscheidend, das auf der bestehenden „Brownfield“-Infrastruktur aufbaut und schnelle, messbare Erfolge liefert, um die nächste Investitionsstufe zu rechtfertigen. Anstatt eines Big-Bang-Projekts hat sich ein schrittweises Reifegradmodell bewährt.

Dieser Ansatz minimiert das Risiko und baut Kompetenzen im Unternehmen schrittweise auf. Er stellt sicher, dass jede Investition auf den Erkenntnissen der vorherigen Stufe aufbaut und einen klaren Beitrag zur Wertschöpfung leistet. Die Transformation wird so zu einem managebaren und vor allem finanzierbaren Prozess, der die Akzeptanz im gesamten Unternehmen fördert. Staatliche Förderprogramme können diesen Weg zusätzlich unterstützen.

Schrittweise Transformation von Industrie 3.0 zu 4.0 in einem mittelständischen Unternehmen

Die Umsetzung erfordert eine klare Abfolge von strategischen und technologischen Maßnahmen. Der folgende Plan dient als bewährte Roadmap für diesen Transformationsprozess.

Ihr Aktionsplan: Der Weg von Industrie 3.0 zu 4.0

  1. Datenstrategie entwickeln: Identifizieren Sie, welche Daten entlang Ihrer Wertschöpfungskette den größten Einfluss auf Qualität, Kosten und Lieferzeit haben. Fokussieren Sie sich auf diese wertschöpfungsrelevanten Daten.
  2. Insellösung implementieren: Starten Sie mit einem überschaubaren, aber kritischen Projekt, z.B. der Vernetzung einer einzelnen CNC-Maschine zur vorausschauenden Wartung. Messen Sie den ROI dieses Pilotprojekts genau.
  3. Brownfield-Strategie umsetzen: Rüsten Sie Ihre bestehenden, bewährten Maschinen schrittweise mit IIoT-Gateways und Sensoren nach, um sie „smart“ zu machen. Dies ist kosteneffizienter als ein kompletter Neukauf.
  4. Horizontale Integration aufbauen: Vernetzen Sie Ihre Systeme über die Werksgrenzen hinaus mit wichtigen Lieferanten und Kunden, um Lieferketten transparenter und resilienter zu gestalten.
  5. Staatliche Förderprogramme nutzen: Prüfen Sie gezielt Fördermöglichkeiten wie das Programm „Digital Jetzt“ des BMWK, um die Investitionskosten für Digitalisierungsprojekte zu senken.

Der erste Schritt ist nicht die Investition, sondern die Analyse. Bewerten Sie jetzt, wo in Ihrer Wertschöpfungskette der größte Hebel für eine datengestützte Optimierung liegt, um gezielt und mit messbarem Erfolg zu starten.

Häufig gestellte Fragen zur Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette

Was ist die Verwaltungsschale (Asset Administration Shell)?

Die Verwaltungsschale ist der digitale Lebenslauf für jedes Bauteil und jede Maschine in der Industrie 4.0. Sie enthält alle relevanten Informationen von technischen Daten bis zur Wartungshistorie und dient als standardisierter digitaler Repräsentant des physischen Objekts.

Warum ist OPC UA wichtig für den deutschen Mittelstand?

OPC UA ist der vom VDMA vorangetriebene Kommunikationsstandard, der Interoperabilität im heterogenen Maschinenpark sicherstellt. Er fungiert als gemeinsame „Sprache“, damit Maschinen unterschiedlicher Hersteller nahtlos miteinander kommunizieren und Daten austauschen können.

Wie werden Datenhoheit und Haftung geregelt?

Bei autonomer Kommunikation, beispielsweise wenn Kundenteile Daten an Herstellermaschinen senden, müssen vertragliche Rahmenbedingungen klar definieren, wer die Hoheit über welche Daten hat und wer im Falle eines Fehlers haftet. Dies ist eine zentrale organisatorische und rechtliche Aufgabe bei der Implementierung von Industrie 4.0.

Geschrieben von Dipl.-Ing. Sabine Kross, Produktionsleiterin und Qualitätsmanagerin mit Schwerpunkt Industrie 4.0. Zertifizierte Auditorin für ISO 9001 und Expertin für Prozessoptimierung in der Fertigung.